Breaking Views: Künstlerenthüllung oder Kunstraub?
Anna Doyen
Infrastruktur der Meinungsfreiheit
Über zwei Jahrzehnte war die Identität des Künstlers Banksy ein Mysterium, über das immer dann vermehrt gerätselt wurde, wenn irgendwo auf der Welt Werke von ihm auftauchten. Seine Anonymität war mehr als ein PR-Gimmick, sie war Teil seines Werkes, Teil der Kunstform Street-Art und Schutzschild für einen Künstler, der Institutionen, Kriege und Ungleichheit anprangert. Man muss Street-Art nicht lieben, um zu verstehen, dass Machtkritik eine exponierte Position bleibt; selbst in Demokratien. Anonymität ist hier nicht nur kokettes Versteckspiel, sondern Infrastruktur für Meinungsfreiheit.
Öffentliches Interesse oder Voyerismus?
Die Aufdeckung Banksys hat Licht ins Dunkel gebracht, indem sie das Licht ausgeschaltet hat. Das ist ein Oxymoron, bei dem es wohl kein Zufall ist, dass moron im Wort steckt. Natürlich ist journalistische Aufklärung wichtig, wenn sie Machtmissbrauch, Korruption oder Verbrechen aufdeckt. Doch hier richtete sich Machtkritik gegen einen Machtkritiker. Es wurde kein Missstand belegt, es gab keine Opfer. Die Besitzer der Fassaden, die zur Leinwand des Sprayers wurden, dürften sich eher bei Sotheby‘s als beim Überstreichen wiedergefunden haben. Stattdessen wurde ein Künstler gegen seinen erklärten Willen demaskiert. Trotz Warnung von Banksys langjährigem Anwalt, Mark Stephens, dass dies seine Kunst und seine Sicherheit gefährden könne. Diese Argumente waren Reuters bekannt, sie entschieden sich trotzdem dafür, die Identität Banksys offenzulegen, weil er einen so tiefgreifenden und anhaltenden Einfluss auf Kultur und politischen Diskurs habe und es deshalb im öffentlichen Interesse sei.
Doch an dieser Stelle kippt der Begriff des „öffentlichen Interesses“ ins Boulevardhafte. Interessant ist für die Öffentlichkeit vieles: Mediales Witwenschütteln nach Katastrophen ebenso wie intime Einblicke in das Privatleben von Prominenten. Am Ende ist ein Name zunächst nichts weiter als ein Eintrag im Melderegister, eher bürokratisch als interessant. Das Bild der Person hinter Banksy ist dadurch kaum schärfer geworden.
Am Ende doch Wanddeko?
Ironischerweise entkräftete Blake Morrison, einer der Reuters-Journalisten, in einer Fragerunde auf Reddit das stärkste Argument für die Veröffentlichung selbst. Er beschreibt Banksy als jemanden, der inzwischen weitgehend vom Establishment akzeptiert, ja umarmt wird. Gerichte, Behörden, Politiker*innen lassen seine Werke an den Wänden, statt sie übermalen zu lassen. Selbst Banksy sagte einmal, er verbringe mehr Zeit damit, andere Sprayer*innen davon zu überzeugen, dass er ein Vandale sei, als die Kunstwelt davon, dass er ein Künstler sei. Wenn selbst der Enthüllungsjournalist Banksy nicht als gefährlich subversive Figur sieht, sondern implizit nur als hochpreisige Wanddeko, wieso wird er in der Recherche wie eine machtvolle politische Instanz behandelt, deren Identität offengelegt werden muss?
Kenne dein Publikum!
Diese Frage wurde auch von der ach so interessierten Öffentlichkeit gestellt. Die Feuilletons und Social-Media-Reaktionen waren sich einig: Niemand wollte das wissen.
Denn die Öffentlichkeit hat damit das vielleicht letzte große Rätsel der Popkultur verloren: Das Recht, sich an einem Geheimnis zu freuen, ohne es zu besitzen.
Morrison schlägt auf Reddit eine pragmatische Lösung vor: Wer es nicht hätte wissen wollen, hätte den Artikel nicht lesen sollen. Naja.
Dennoch bleibt anzuerkennen: Die Recherche selbst war ein beachtliches Stück journalistischer Detektivarbeit.
Und für alle, die jetzt trotzdem wissen wollen, wer Banksy ist, bleibt nur eine Antwort: Er ist Banksy.
