DGB

"Hoch mit den Löhnen, runter mit der Arbeitszeit"

Ausgewählte gewerkschaftliche Themen unserer Zeit

von Paul Weißenfels

Naaaa? Genervt, weil die S-Bahn mal wieder nicht kommt? Chaos am Flughafen, weil das Bodenpersonal streikt? Prekäre Arbeitsbedin­gungen sind allgegenwärtig, doch zum Buhmann wer­den häufig die Streikenden gemacht. In Deutschland ist die breite Masse am ehesten von Streiks im öf­fentlichen Dienst betroffen. Allerdings kämpfen neben diesem Sektor auch in vielen anderen Arbeitsdomänen gewerkschaftlich organisierte Beschäftigte für faire Arbeitszeiten, faire Löhne, faire Arbeiter*innenrechte, mehr Bildung, mehr Mitbestimmung und mehr soziale Sicherheit. 

Dabei ist die stärkste Maßnahme, gegenüber den Arbeitgeber*innen das Arbeitskampfrecht wahrzuneh­men. Während die Arbeiter*innen im 19. Jahrhundert Überlieferungen zufolge ihre Sabot (fr. Holzschuhe) in die Maschinenzahnräder warfen, um mit einer herbei­geführten Sabotage ihren Protest auszudrücken, sind Arbeiter*innen heute in Gewerkschaften institutionell organisiert. Der größte Gewerkschaftsdachverband ist der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), welcher rund 5,6 Millionen Mitglieder*innen (Stand 2024) um­fasst. Im Folgenden wird ein besonderer Fokus auf die Arbeitszeiterrungenschaften der Gewerkschaften und die Situation in der Gegenwart gelegt. 

Der Kampf um den Achtstundentag 

Eines der zentralsten Themen der Gewerkschaftsbe­wegung ist das Streben nach dem Achtstundentag. Historisch verkörpert in diesem Kontext das rote, gleichseitige Dreieck ein fundamentales Ziel: durch die Arbeitszeitreduzierung auf acht Stunden, allen Arbeiter*innen acht Stunden Freizeit und acht Stun­den Schlaf zu ermöglichen. In einer Epoche, in der sich bei 15-Stunden-Schichten viele Arbeiter*innen in überhitzten Fabriken abmühten, war die proletarische Organisierung für diese Forderungen revolutionär. In Deutschland erreichten die sozialistischen Kräfte die gesetzliche Vereinbarung des Achtstundentages, wel­che 1919 in Kraft trat. Der nächste monumentale Meilenstein des Arbeitszeitdiskurses war die Einfüh­rung der Fünftagewoche, welche in den verschiedenen Industriezweigen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ab den auslaufenden 1950er Jahren implementiert werden konnte. Nun kämpft gegenwärtig beispielsweise die IG Metall, die größte der acht DGB-Gewerkschaften, für eine Viertagewoche mit vollem Lohnausgleich. 

Wettkampf, Wettkampf, Wettkampf 

„Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten. Und deswegen müssen wir mehr arbeiten!“ (Kanzler Merz, 14. Januar 2026) 

Eine vielbeachtete Studie der Universität Münster unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Julia Backmann aus dem Jahr 2024 untersucht 40 Unternehmen, die die Viertagewoche testweise eingeführt haben. Trotz Arbeitszeitverkürzung blieben Umsätze und Gewinne stabil. Die Arbeiter*innen waren insgesamt weniger gestresst und 73 % der Unternehmen führen die Vier­tagewoche temporär oder dauerhaft fort. Die Parolen von Kanzler Friedrich Merz gehen am Punkt vorbei, denn mehr Arbeitszeit bedeutet nicht automatisch mehr Wohlstand. Gewerkschaftliche Errungenschaften der Vergangenheit in Sachen Arbeitszeit verdeutlichen, dass eine höhere Effizienz die geringere Arbeitszeit ausgleichen kann. 

Zusätzlich müssen andere Aspekte mitberücksichtigt werden, so beispielsweise die gesundheitliche Belas­tung durch die Arbeit. Ebenso sind strukturelle Ver­änderungen der Wirtschaft und eine moderne Lehre zentral. Der Fachkräftemangel lässt sich nicht durch weniger Work-Life-Balance lösen. Stattdessen ist Mi­gration eine der zentralsten Stellschrauben, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Denn die deut­sche Bevölkerungspyramide ist urnenförmig, sie bringt den Tod für ein Rentensystem, das auf nachfolgende Generationen angewiesen ist. Auch der DGB sieht Ein­wanderung als einen wichtigen Teil dieser Lösung.

Anklage: Blaumacher*innen

„14,5 Tage, das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirk­lich notwendig?“ (Kanzler Merz, 16 Januar 2026)

Die Debatte um den hohen Krankenstand in Deutsch­land impliziert ein Misstrauen gegenüber den ver­meintlich faulen Arbeitnehmer*innen. Die telefoni­sche Krankschreibung existiert seit 2023 und wird als Hauptgrund für die bestehenden Krankenstände ange­führt. Tatsächlich gibt es in Deutschland großzügige Regelungen wie Lohnfortzahlung oder Krankengeld, wobei ein gewisses Vertrauensverhältnis zu den Arbei­ter*innen vorausgesetzt wird. Mit Kosten in Höhe von jährlichen 82 Milliarden Euro sind die Personalausfälle ein erheblicher Kostenpunkt für die Unternehmen.

Doch Yasmin Fahi­mi, Vorsitzende des DGB, verteidigt die Arbeitnehmer*in­nen: Sie führt den Anstieg der Krank­heitsmeldungen auf die inzwischen ext­rem genaue Statistik durch die elektro­nische Arbeitsunfä­higkeitserklärung zurück. Ihre Stel­lungnahme ent­schärft den General­verdacht gegenüber allen Arbeiter*innen. Sie zeigt den politischen Versuch auf, unter dem Vorwand der Faulenzerei Arbeiter*innen als parasitäre Nutznie­ßer*innen des von ihnen erkämpften, funktionierenden Systems darzustellen.

Wie steht es um den DGB?

1991 hatte der DGB mit 11,8 Millionen Mitglieder*in­nen noch mehr als doppelt so viele wie momentan. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig: Der Stellenabbau infolge der Corona-Pandemie, eine anhal­tende Industriekrise und der simultane Mangel junger Fachkräfte sind signifikante Beispiele. Zwangsläufig führt der Rückgang von Arbeitsplätzen zu einer nomi­nellen Verringerung der Gewerkschaftler*innen, denn Arbeitslose müssen sparen und treten entsprechend aus Kostengründen aus ihren Gewerkschaften aus.

Sind die Mitglieder*innenzahlen ein Krisenindikator? Trotz schwächelnder Konjunktur besteht in verschie­densten Domänen ein hoher tatsächlicher Bedarf von jungen, neuen Mitarbeiter*innen. Doch aus konjunk­turellen Gründen und weil sich die Anforderungen der Betriebe mit den Vorstellungen sowie Qualifizie­rungen der Bewerber*innen immer weniger decken, bedeutet der resultierende Azubi-Stellenrückgang eine Vergrößerung der Fachkräftelücke. So wird der Ein­satz des DGB in Krisenzeiten mehr denn je benötigt, damit durch das Zusammenstehen der Arbeiter*in­nen die Errungen­schaften vorheri­ger Generationen nicht schrittweise erodieren.

Darüber hinaus lässt sich grund­sätzlich sagen, dass den deutschen Gewerkschaften hoch anzurech­nen ist, dass sie tendenziell eine Konfliktlösung unter­halb der Streikschwelle anstreben. Hier ist der DGB ein wichtiger Stabilitätsfaktor. Denn im Vergleich zu Frankreich, wo sich Massen von Splittergewerkschaf­ten mit kolossalen Forderungen gegenseitig überbieten, führt der deutsche, gewerkschaftliche Dialog häufiger zu einer Lösung am Verhandlungstisch. Ausnahmebe­reiche, wie der des öffentlichen Dienstes, bestätigen diese Regel. Doch uns muss bewusst sein, dass diese privilegierten Arbeitsrechte in Deutschland unter dau­erhaftem Beschuss stehen. Merz’ Aussagen moralisie­ren die individuelle Arbeitsleistung und vermitteln ein Arbeitsverständnis, das der Gesellschaft nur sekundär dienlich ist. Es gehört zum Anspruch des Fortschritts, dass beschwerliche Arbeit abnimmt.

Innerhalb der deutschen Unternehmen bleibt der Be­triebsrat das Gremium schlechthin, um die Interessen der Arbeitnehmer*innen zu vertreten und die Arbei­ter*innen vor skrupellosen Plänen der Arbeitgeber*in­nen zu schützen. 75 % der Betriebsratsmitglieder*in­nen sind DGB-Gewerkschaftler*innen und lassen sich von der Gewerkschaft den Rücken stärken.

Die Bedeutung der von Chef*innen und Manager*in­nen aus der Entfernung getroffenen Entscheidungen auf die Beschäftigten bemerken sie womöglich nur dann, wenn die einzelnen, vermeintlich kleinen Mit­glieder*innen der Arbeiter*innenschaft sich zu ge­meinsamem, gewerkschaftlich organisiertem Protest zusammenschließen. Oft ist medienwirksam zu erken­nen (vgl. Personen mit roten Gewerkschaftsflaggen), wie groß die Gruppe dieser Arbeiter*innen in Summe ist und wie viele Menschen durch Gewerkschaften ver­treten werden. So sind auch Betriebsräte von kardinaler Bedeutung. Sie sind es, die den ständigen Forderungen nach immer mehr Leistung kritisch gegenüberstehen und nach Kompromissen im Sinne der Arbeiter*innen suchen, ohne direkt zur Sabotage greifen zu müssen.

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