Rosen sind rot, Veilchen sind blau, aber was macht das mit uns genau?
Edda Dunemann
Farben erhalten in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Symbolkraft und sie kommunizieren je nach Kontext unterschiedliche Inhalte. Straßenschilder, die besondere Aufmerksamkeit erregen sollen, sind zum Beispiel häufig rot: Hier gilt die Farbe entsprechend als Warnung und Hinweis auf eine potentiell gefährliche Situation. Rote Rosen hingegen sollen nicht warnen, sondern symbolisieren in westlichen Kulturen Liebe und Leidenschaft. Die Bedeutung von Rot in den panafrikanischen Farben hingegen ist die des Blutes, das für das Heimatland vergossen wurde. Diese Farben gewannen im 20. Jahrhundert an Bedeutung und werden zum Teil mit der Unabhängigkeit der Staaten von den Kolonialmächten assoziiert.
Farben sind somit ein starkes Kommunikationsmittel. Die Botschaften werden intuitiv schnell erfasst und verstanden, denn sie aktivieren das bewusste und unbewusste Wissen und rufen Emotionen im Menschen hervor. Diese persönliche Wirkung kann Farbe aber auch zu einem gefährlichen Instrument von politischen und kulturellen Machtkämpfen machen.
Geht man nun davon aus, dass Farben politische Rollen haben, Botschaften verstärken, Propaganda visualisieren, dann wäre es essentiell, sich dessen bewusst zu sein. Besonders in einer Zeit, in der die politischen Debatten immer stärker polarisieren. Farbliche Sympathie funktioniert wie ein Automatismus, der den Menschen schon vor der Wahrnehmung des Vermittelten beeinflusst und dessen Urteil maßgeblich prägt. Auch politische Farben wie das Rot des Sozialismus sind historisch tief verwurzelte Zuschreibungen, die Zugehörigkeit, aber auch Abgrenzung symbolisieren können. Als visuelle Einheit funktioniert diese emotionale Zuordnung zunächst unabhängig von einer inhaltlichen Überlegung, in der Zugehörigkeit oder Abgrenzung durch thematische Übereinstimmung entsteht.
Ein weiteres Beispiel hierfür stellt etwa der Umgang mit Farbe im Nationalsozialismus dar. Prägend für das ästhetische Werturteil der NS-Kulturpolitik war es, die „exzessive“ Farbverwendung in Kunstwerken eher negativ zu besetzen und stattdessen das Primat der Form stark zu machen. Die Farbgebung hätte somit vordergründig eine politische Bedeutung, denn in der NS-Ideologie gelte Farbe als „emotional steuerbares“ Kommunikationsmittel, dessen Wirkung sich zunutze gemacht werden müsse.
Dabei sind die verschiedenen Bedeutungen von Farben sowohl historisch als auch kulturell gebunden: Während Weiß in der europäischen Kultur für Reinheit, Hygiene aber auch für Frieden und Freiheit steht, gilt sie – auch aufgrund dieser Reinheitsvorstellungen – in postkolonialen Diskursen oft als Symbol für Unterdrückung und mangelnde Gleichstellung. Aus dem Wissen über die Wirkung von Farben resultiert die Intention, diese zu nutzen, um Ziele zu erreichen. Im Marketing ist eine solche Strategie üblich und breit kommuniziert, doch auch in politischen Kontexten wird Farbe instrumentalisiert. Das Gleiche gilt beispielsweise – bei der Betrachtung von Zugehörigkeit und Inhalt – für die Sprache. Doch sobald die Farbwahl etwas verdecken oder Tatsachen verzerren, also durch Propaganda Einfluss auf die Menschen nehmen soll, wäre es Zeit, Ästhetik bewusst wahrzunehmen und zu hinterfragen. Zeigt ein Wahlplakat zum Beispiel (unabhängig von den eher menschenfeindlichen Inhalten des Programms) immer wieder Hochglanz-Bilder mit satten Farben von glücklichen, homogen aussehenden Familien, ist dies eine Dissonanz, die auffallen muss. Dabei gilt es zu beachten, dass Farben nicht nur ästhetische, sondern auch moralische Konsequenzen haben können: So wie oft Weiß als rein und Schwarz als unrein gilt, werten wir viele Farben unbewusst und alltäglich auch moralisch ab oder auf.
Dabei sind Farbschemata häufig westlich determiniert, denn Theorien und Harmonien resultieren oft aus historischen Erfahrungen, die meist als allgemeingültig übernommen werden, wie zum Beispiel wenn es um Kolonialisierung geht. Dieser eurozentrische Fokus wirft auch die Frage nach ethischen und machtpolitischen Dispositiven auf. Fest steht, dass die farbliche Klassifikation ein Machtdispositiv darstellt.
Auch die sprachliche Charakterisierung von Farbe und damit einhergehenden Wertungen, ist stets in ein gewisses normatives oder sogar ideologisches Kollektiv eingebunden und wird so oftmals instrumentalisiert. Besonders ist dabei, dass sich Farbe kaum mit Worten beschreiben lässt und wenn es doch gelingt, impliziert es oft schon moralische und kulturelle Verknüpfungen. Müsste man einem Menschen die Farbe Rot beschreiben, ohne, dass dieser sie je gesehen hat, würde man schnell an Grenzen stoßen und auf Assoziationen und Emotionen zurückgreifen. Der Philosoph Franz Fanon schreibt zur Bedeutung der Sprache: „Wir messen dem Phänomen der Sprache grundlegende Bedeutung bei. […] Sprechen heißt […] vor allem aber, eine Kultur auf sich zu nehmen, die Last einer Zivilisation zu tragen.“ Farben bewusst wahrzunehmen heißt somit auch, zu akzeptieren, dass diese auf anderer Ebene als Sprache kommunizieren und dass diese Ebenen sich nur begrenzt ersetzen lassen. Eine Farbe und ihre Wahrnehmung sind somit erstmals visuell gebunden, doch sie lösen etwas aus, das subjektiv ist, aber sich in Worte fassen lässt. Hier liegt auch die Faszination der Farben, ihre Wirkung ist besonders direkt und nur bedingt voraussehbar.
Die Farbe Rot fällt insgesamt durch ihre besondere Wirkung auf, keine andere Farbe hat so starke, unterschiedliche archetypische Kommunikationswirkungen. Rot kann für Stärke und Lebenskraft, für Macht und Fortschritt, für Leidenschaft und Wärme, aber auch für Gefahr oder Leid und für Aggression oder Aktivität stehen. Die Unterschiede liegen dabei nicht nur im inhaltlichen, sondern vielmehr im kulturellen und historischen Kontext. Als Beispiel ließe sich hier erneut auf die panafrikanischen Farben und die Kolonialzeit hinweisen, in der die Farben Grün, Gelb und Rot (besonders das Rot) ihre Bedeutung gewannen. Dabei hat Rot auch eine wissenschaftlich erwiesene physiologische Wirkung, die sich als „Erregung“ beschreiben lässt. Taucht Rot im Politischen als Teil einer Kampagne oder in Werbung auf, kann dies mehr Wirkung erzielen, als die Zugehörigkeit zu einer Partei kennzeichnet. Es könnte sowohl tief verankerte, kulturell geprägte Emotionen von Widerstand, Aufbruch und Wut, als auch körperlich beeinflussen und individuelle Emotionen auslösen. All dies bewusst wahrzunehmen, kann spannend sein, um unbewusste Einflüsse, die von unseren eigentlichen Vorstellungen und Perspektiven abweichen, im Zweifelsfall bewusst wahrzunehmen.
Betrachtet man nun die mehr oder weniger sichtbaren Wirkungen der Farbwahl, gilt es wie so oft, zunächst aufmerksam durch die Welt zu gehen und internalisierte Assoziationen und moralische Urteile bewusst wahrzunehmen und unbewusste Automatismen so zu durchbrechen; weiterführend ist es ratsam, sich der Verantwortung, die mit einem gewissen Maß an Einfluss und Macht einhergeht, bewusst zu sein. In diesem Sinn ist dieser Text ein Plädoyer für weniger Vorurteile und eine umsichtige Wahrnehmungskultur.
