IM FOKUS: "Ich sehe rot" - Ein Plädoyer für die Wut
von Lucie Krauß
„Schau mal so wütend, wie du kannst!“
Es ist ein schwüler Sommertag im Jahr 2011 und ich sitze mit meinen Grundschulfreund*innen zusammen auf dem Pausenhof. Wir lassen verschiedene Emotionen über unsere Gesichter huschen, schneiden Grimassen und lachen uns kaputt. Es fällt mir nicht schwer, einen traurigen oder albernen Ausdruck auf mein Gesicht zu zaubern, aber mit der Wut ist das so eine Sache. Angestrengt versuche ich, möglichst ernst und böse dreinzuschauen, doch vergeblich. „Du kannst ja gar nicht wütend schauen, das nehmen wir dir nicht ab“, lautet die nüchterne Kritik meines wütenden Blickversuchs. Dann ist mein Klassenkamerad an der Reihe und schaut besonders wütend drein. Das kritische Publikum ist überzeugt.
Wut hat eine wichtige Funktion
Das APA Dictionary of Psychology definiert Wut als: „Eine emotionale Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung, Ungerechtigkeit oder Frustration, begleitet von physiologischer Aktivierung und dem Impuls, zu handeln oder Grenzen zu setzen.“ Wut zählt neben Angst, Trauer und Freude zu den universellen Basisemotionen und entsteht, wenn Grenzen verletzt oder Ziele blockiert werden. Gilt Wut doch oft als verpönte Emotion, betonen Psycholog*innen, dass sie eine wichtige und hilfreiche Funktion innehat. Wut zeigt uns an, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass Bedürfnisse und Rechte verletzt wurden.
„Ich sage ja, ich bin brav. Nehm alles hin, denn ich bin ein hübsches Mädchen“
15 Jahre später denke ich erneut über meine Wut nach. Wann habe ich selbst zuletzt rotgesehen? Schnell wird mir klar, dass mich so einiges im Alltag wütend macht. Ich werde wütend, wenn ich das Gefühl habe, ungerecht behandelt zu werden. Wenn ich die Nachrichten verfolge und sehe, wie unschuldige Zivilist*innen in Kriege hineingezogen werden, eine Mädchenschule bombardiert wird. Wenn mal wieder darüber berichtet wird, wie der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika mit seinem außenpolitischen Handeln von einem der größten Missbrauchsfälle von Frauen und minderjährigen Mädchen ablenkt, Opfer nicht geschützt werden und die Elite sich deckt. Ich werde wütend, wenn meine Oma mir erzählt, dass sie früher als junge Frau kein selbstbestimmtes Leben führen konnte. Ich werde wütend, wenn Friedrich Merz Frauen gegen Menschen mit Migrationshintergrund ausspielt und sich als Beschützer der Töchter in diesem Land aufspielt. Ich werde wütend, wenn ich lese, dass es im vergangenen Jahr bei fast jeder zweiten CSD-Parade zu Übergriffen und queer-feindlichen Störungen kam. Ich bin wütend, dass sich antipluralistische und heteronormative Ideologien immer weiter ausbreiten, dass die AfD in Sachsen-Anhalt bei den anstehenden Landtagswahlen stärkste Kraft werden könnte.
Aber meine Wut behalte ich für mich, schlucke sie herunter, lächle weiter.
„Ich sage ja, ich bin brav. Nehm alles hin, denn ich bin ein hübsches Mädchen“, singt Nina Kummer der Chemnitzer Band Blond kraftvoll im Refrain ihres gleichnamigen Songs und spricht mir damit aus der Seele.
Weibliche Wut richtet sich oft nach innen
Weibliche Wut wird oft nicht ernst genommen. Die Forschung zeigt, dass männliche Wut oft mit Attributen wie durchsetzungsstark, kompetent oder führungsstark in Verbindung gebracht wird, während Frauen bei gleicher Verhaltensweise häufiger als hysterisch, irrational oder überemotional bewertet werden. Wut widerspricht dem traditionellen Verständnis einer harmonischen Weiblichkeit. Deshalb richtet sich weibliche Wut oft nach innen. Eva Asselmann, Professorin für Differenzielle- und Persönlichkeitspsychologie, erklärt im Deutschlandfunk, dass es wichtig ist, frühzeitig auf das Gefühl der aufkeimenden Wut zu hören. Wird unsere Wut nicht kanalisiert, erstickt ihr transformativer und konstruktiver Keim. Ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht ist die Folge. Daher betont sie, dass es wichtig ist, die eigene Wut nicht einfach runterzuschlucken.
Wir sollten alle öfter rotsehen
Wut ist keine grundsätzlich gefährliche Emotion. Gefährlich wird sie, wenn sie sich gegen Menschen statt gegen Missstände richtet, oder sich in ihrer gesteigerten Form zu Hass entwickelt. Wenn ich von Wut spreche, meine ich nicht das polternde, faktenresistente Wutbürgertum, das sich in Kommentarspalten, auf Straßen und zunehmend auch in Parlamentssälen austobt. Ich meine die berechtigte und konstruktive Wut, die entsteht, wenn Grenzen überschritten werden. Unsere Wut entflammt Leidenschaft und Mut. Sie ist eine transformative Kraft und sorgt dafür, dass wir für uns einstehen.
Das Problem ist, wem Wut zugestanden wird und wem nicht. Hier haben sich geschlechterspezifische Verhaltensmuster stark internalisiert. Sie gilt es zu hinterfragen und aufzubrechen.
Femizide, ungleiche Entlohnung, fehlende politische Repräsentation, sexualisierte Übergriffe: Es gibt zahlreiche Gründe für weibliche Wut und sie muss freigesetzt werden. Sie muss ihren Weg lautstark auf die Straße finden und schließlich die Zentren und Schaltstellen politischer Entscheidungsmacht erreichen. Sie muss zugestanden und ernst genommen werden.
Deshalb sollten wir alle öfter rotsehen. Nicht um zu zerstören, sondern um zu verändern.
