If we Burn rezension

"More than uprising but less than a revolution"

Maximilian Köhler

Die Ortsnamen Euromaidan, Tahrir-Platz oder Gezi-Park sind mittlerweile zum Synonym für eine ganz bestimmte Handlung geworden: Protest! Und zwar nicht für den Protest einiger weniger Menschen, sondern für den kollektiven zivilen Ungehorsam von Zehntausenden.
Unabhängig davon, ob es sich bei ihren Zielen um die Einführung von kostenlosem ÖPNV, den Rücktritt eines Staatsoberhauptes oder gar einen politischen Systemwechsel handelt, charakterisiert der Journalist Vincent Bevins in seinem Buch „If We Burn. The Mass Protest Decade and the Missing Revolution“ die 2010er-Jahre als das Jahrzehnt, in welchem Massenproteste in bisher ungeahntem Ausmaß überall auf der Welt stattfanden. Das Movimento Passe Livre (MPL) in Brasilien, der Arabische Frühling in Tunesien und Ägypten, die Hongkonger Proteste gegen das chinesische „Sicherheitsgesetz“ 2019/20 – der Autor untersucht in mehr als zehn Ländern verschiedene horizontal organisierte Massenprotestbewegungen, die sich durch Dezentralität und die Abwesenheit spezifischer Führungspersonen auszeichneten, um die Frage zu beantworten, warum so viele dieser Bewegungen letztendlich an ihren ursprünglichen Zielen scheiterten. In seiner Analyse verwebt Bevins die Geschichten der Protestbewegungen mit der allgegenwärtigen Gefahr der Kooptation durch rechte Kräfte sowie Betrachtungen über die Einflüsse von traditionellen sowie neuen Medien. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Gründe des Scheiterns der Proteste maßgeblich in ihren Organisationsstrukturen zu finden sind.

„Movements that cannot speak for themselves, will be spoken for.”
Eine wesentliche Dynamik, die in den Protesten der 2010er beobachtet werden könne, sei ein Repertoire an Protesttaktiken, das durch die Berichterstattung globaler Medien legitimiert werde. Zunächst werden die Proteste als scheinbar spontane, daher authentische, Reaktionen auf reale Ungerechtigkeiten dargestellt. Sie sind digital koordiniert und nicht-hierarchisch organisiert. Der bewusste Verzicht auf Führungspersonal mit Vorrangstellung innerhalb der Protestbewegungen führt dazu, dass es keine klar erkennbaren Ansprechpartner*innen für die Medien gibt. So ist es der Bewegung nur schwer möglich der Weltöffentlichkeit ein kohärentes Bild ihrer Ideologie und Zielsetzungen zu vermitteln. Traditionelle Medien bestimmen also selbst, basierend auf ihrer politischen Gesinnung und der ihrer Rezipient*innen, welche Mitglieder der Proteste sie als Sprachrohre identifizieren, auf welche Aspekte sie den Fokus der Berichterstattung legen – die Bedeutung der Proteste wird folglich von außerhalb auferlegt. Diese Bedeutungsverzerrung eröffnet darüber hinaus das Risiko, dass die Protestbewegungen Anklang bei Gruppierungen finden, die in ihrer politischen Ausrichtung wenig mit den ursprünglichen Zielen und den auslösenden Missständen zu tun haben. Eines der Beispiele, die im Buch genauer aufgearbeitet werden, ist die Tatsache, dass es rechtsextremen, stramm hierarchisch organisierten Bewegungen auf dem Maidan gelang, sich eine Vorreiterrolle unter den Aktivist*innen zu erkämpfen und somit die intendierten Resultate der Euromaidanproteste maßgeblich von Deoligarchisierung hin zu einem erstarkenden Rechtsnationalismus zu verschieben.

„If you run the risk of trying, then you should enter the vacuum yourself.”
Am Ende seiner Betrachtungen kommt Bevins zum Ergebnis, dass führungslose Massenproteste zwar gut darin seien, bestehende Missstände zum Ausdruck zu bringen und „Löcher ins politische Establishment zu schießen“, aber viel schlechter darin, das entstandene politische Vakuum auch selbstständig zu füllen. Innerhalb der alten Debatte über aktivistische Organisationsstruktur zwischen Horizontalismus und Führung durch eine (leninistische) Avantgarde, positioniert sich Bevins auf Seiten der Repräsentation durch Führungspersonen – „We thought representation was elitism, but actually it is the essence of democracy“, wie er einen ägyptischen Menschenrechtsaktivisten zitiert.

„There are weeks when decades happen.”
Die größte Stärke des Buches liegt in der schieren Breite des Zeitraums und der Fallstudien, die bearbeitet werden. Es wird bei der Lektüre schnell deutlich, dass hier der Versuch vorliegt, jahrelange journalistische Feldarbeit auf 300 Seiten komprimiert darzustellen. Daraus resultiert allerdings auch, dass ein gewisses Ungleichgewicht entsteht: Die brasilianischen MPL-Proteste bilden, in aller Ausführlichkeit dargestellt, den Mittelpunkt des Buches, während den Geschehnissen in Südkorea, Bahrain oder Jemen nur wenige Seiten gewidmet werden. Bevins ist in seinen Betrachtungen angenehm selbstreflektiert, besonders bezüglich seiner beruflichen Kompetenzen und Privilegien, bedingt durch seine Hautfarbe und Herkunft, als weißer, US-amerikanischer Journalist. Er konzentriert sich auf das Zusammentragen von Fakten und das kritische Befragen von dutzenden Interviewpartner*innen – (ehemalige) Aktivist*innen sowie den Protesten unterstützend sowie antagonistisch gesinnten Politiker*innen – und räumt ihren praktischen Erfahrungen, politischen Gesinnungswechseln und Lessons Learned einen Großteil des Textes ein. Darüber hinaus setzt sich der Autor ebenfalls mit den für das Thema relevanten Theoretiker*innen auseinander, das Buch an sich bleibt aber insgesamt der Praxisorientierung verschrieben und somit einfach zu lesen und einsteiger*innenfreundlich.
In den Schlusskapiteln weist Bevins darauf hin, dass sich Protestrepertoires immer an die zeithistorischen Kontexte anpassen. So wie Streiks und Boykotts in den 2010ern weitestgehend durch gut sichtbare, groß angelegte Straßenaktionen ersetzt wurden, kann es sein, dass die Protestwerkzeuge der zweiten Hälfte der 2020er eine gänzlich andere Gestalt als die der strikt horizontalen, digital koordinierten Massenbewegungen annehmen werden. Je weiter wir uns vom Jahr 2020 entfernen, desto mehr kann dieses Buch als Geschichtswerk über die globalen Bewegungen des letzten Jahrzehnts betrachtet werden, anstatt als einen aktuellen politischen Debattenbeitrag. Ferner seiner kritischen Analyse, ist die wichtigste Mitteilung seine immanente Überzeugung, dass es Menschen im Kollektiv möglich ist, Ungerechtigkeiten zu identifizieren und aus der Welt zu schaffen, ohne sich dabei auf traditionelle Medien oder diffus legitimierte Regierungen und Nationalstaaten zu verlassen.
 

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