IM FOKUS: Rot als Farbe der Unterdrückung
Der Alltag eines Diplomaten in der Sowjetunion
von David Schlegel
Die Farbe Rot stand in der Sowjetunion unter anderem für die November-revolution und für die Befreiung der Arbeiterklasse. Doch wie wurde die Farbe Rot und die Sowjetunion an sich aus anderen Perspektiven heraus wahrgenommen? Um dieser Frage nachzugehen, erfreut es mich sehr, Seine Exzellenz Herrn Konsul a.D. Hans Erich Tischler interviewen zu dürfen.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen und Ihren Weg in den diplomatischen Dienst schildern?

Mein Name ist Hans Tischler, geb. im Jahre 1959 in Bad Godesberg und seit 2022 in Pension. Vor meiner Pensionierung habe ich als Beamter im deutschen Auswärtigen Dienst gearbeitet und war in dieser Tätigkeit auf verschiedenen Posten auf mehreren Kontinenten tätig, so etwa in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas oder in Kairo. Zuletzt leitete ich mit großem Engagement das Konsulat Hermannstadt in Rumänien in der Zeit von 2017 bis 2021. Im Jahre 1994 habe ich ein neues Generalkonsulat in Saratow an der Wolga eröffnet und war dort bis 1997 tätig.
Mit welchen Erwartungen und Vorstellungen sind Sie 1984 nach Moskau gereist, als Sie Ihren Dienst in der Sowjetunion antraten?
Die Deutsche Botschaft Moskau war mein erster großer Einsatz, auf den ich mich intensiv vorbereitet hatte. So habe ich im Vorfeld an verschiedenen Länderseminaren in der Zentrale des Auswärtigen Amts in Bonn teilgenommen, um ein umfassendes Bild von Land und Leuten vor Dienstantritt zu erhalten. Zudem habe ich an der Universität Bochum mehrere Intensivkurse Russisch belegt. Die Sowjetunion war für Reisende aus dem Westen ein wenig bekanntes Land, das die meisten nur aus den eher spärlichen Berichterstattungen in den Medien kannten, nicht jedoch aus eigener Anschauung. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, in der niemand daran dachte, dass die Sowjetunion in nur wenigen Jahren, nämlich 1991, in sich zusammenfallen würde und damit ein Stück Geschichte, begonnen 1917, zu Ende gehen würde. Meine Generation war zutiefst geprägt von diesem Gegensatz zwischen Ost und West und den vielfältigen ideologischen und militärischen Spannungen, die sich daraus ergaben. Es war immer unser Wunsch, diese Spaltung, die ja auch Deutschland direkt betraf, zu überwinden und auf einem Kontinent zu leben, der allen Bürgerinnen und Bürger Freiheit und Frieden garantierte.
Wie haben Sie den Alltag in Moskau zwischen 1984 und 1987 erlebt – insbesondere im Hinblick auf Bewegungsfreiheit, den Kontakt zu Ihrer Familie und Ihr persönliches Sicherheitsgefühl? Wie wurden Sie dort als deutscher Diplomat von der Bevölkerung wahrgenommen?

Der Alltag war nicht einfach, auch wenn wir als Angehörige der Deutschen Botschaft viele Privilegien im Vergleich zur lokalen Bevölkerung besaßen und ich keine Sprachprobleme kannte. Die kalten und schneereichen Winter in Moskau sind lang, die Sommer dafür umso kürzer und die Zeiten zwischen Herbst und Winter sind oft grau und sehr verregnet. Die Versorgungslage war für westliche Verhältnisse relativ schlecht, wenngleich Moskau sicherlich besser versorgt war als andere Städte im Land. Oftmals kam es vor, dass ich nach längerem Schlangestehen endlich die Kasse erreichte und für die Lebensmittel, die ich erwerben wollte, bezahlt hatte, diese aber inzwischen schon ausverkauft waren und ich unverrichteter Dinge wieder den Laden verließ. Westliche Konsumgüter gab es so gut wie keine und die Qualität sowjetischer Produkte lag weit unter dem, was man als Westler gewohnt war.
Die Bewegungsfreiheit war komplett eingeschränkt. So durften Ausländer nicht über den Autobahnring Moskaus hinausfahren, sondern benötigten eine Reiseerlaubnis, die rechtzeitig beim Außenministerium beantragt werden musste. Spontane Reisen wurden so unmöglich gemacht. Zwar war es grundsätzlich möglich, in der Sowjetunion zu dieser Zeit zu reisen, aber Anträge wurden oft nicht rechtzeitig genehmigt oder gleich abgelehnt. Das war natürlich immer sehr frustrierend, da man nie genau planen konnte. Dennoch habe ich in meinen Jahren so gut es ging versucht die Sowjetunion mit ihren Republiken zu bereisen und das Land mit seinen Menschen kennenzulernen. So war ich wiederholt im Kaukasus oder in Zentralasien, beides auch heute noch faszinierende Reiseziele.
Als besonders belastend empfanden wir alle die vollständige Überwachung von Ausländern rund um die Uhr, sowohl zu Hause als auch unterwegs. So war es sowjetischen Staatsbürgen verboten mit Ausländern Kontakt aufzunehmen. Telefonate ins Ausland mußten stets vorher angemeldet werden und häufig dauerte es dann stundenlang, bis die Gespräche vermittelt wurden, oft erst spät in der Nacht, wenn Kapazitäten frei wurden. Die Versorgung mit Post erfolgte wöchentlich per Kurier, da wegen der allgegenwärtigen Überwachung davon abgeraten wurde den normalen Postweg zu benutzen, den es ja durchaus gab. Freizeitaktivitäten gab es nur sehr eingeschränkt, sie wurden häufig durch das sowjetische Außenministerium organisiert. Etwa Konzert- oder Theaterkarten waren im freien Handel kaum erhältlich und mußten beantragt werden. Wenn man dann aber Karten erlangt hatte, konnte man sich auf Abende mit hervorragendem künstlerischem Niveau freuen, etwa im Bolschoi Theater oder im Konservatorium und auf anderen Bühnen. Erfreulich waren auch die Besuche in den bedeutenden Museen der russischen Hauptstadt mit Sammlungen von einzigartigem Wert.
Wenn Sie an Ihre Zeit als Diplomat in Moskau denken: Welche spontane Assoziation haben Sie mit der Farbe Rot?
Rot als Grundfarbe der Sowjetischen Flagge war natürlich allgegenwärtig und hat uns stets begleitet. An den staatlichen Feiertagen, etwa zum Tag des Sieges über Nazideutschland am 9. Mai, war die ganze Stadt mit roten Fahnen geschmückt. In der deutschen Nationalflagge mit den Farben Schwarz-Rot-Gold steht das Rot für das Blut, das unsere Vorfahren etwa in der Märzrevolution 1848 vergossen haben, um für eine freie und pluralistische Gesellschaft zu kämpfen. In der Sowjetunion war Rot natürlich alles andere als die Farbe der Freiheit, sondern die Farbe der Unterdrückung in einem unmenschlichen System. Wie oft habe ich aus unseren Bürofenstern mit ansehen müssen, wie Bürger der Sowjetunion brutal verprügelt und weggebracht wurden, nur weil sie Zutritt zur Botschaft haben wollten, den wir ihnen gerne gewährt hätten. Auch musste ich wiederholt mit ansehen wie friedliche Menschen, die vor dem Kreml demonstrierten, mit roher Gewalt abgeführt wurden. Rot stand also in der Sowjetunion für Unfreiheit, Unrecht und Menschenverachtung.
Als Sie von 1994 bis 1997 erneut in Russland tätig waren – diesmal in Saratow nach dem Zerfall der Sowjetunion – welche Veränderungen haben Sie im Vergleich zu Ihrer Zeit im Moskau der 1980er Jahre festgestellt?
Mein erneuter Aufenthalt in Russland, damals schon die Russische Föderation, wie der offizielle Staatsname lautet, war eine Zeit des Aufbruchs, geprägt von epochalen Veränderungen und hohen Erwartungen. Die Menschen waren endlich frei und konnten ins Ausland reisen, die Presse berichtete unzensiert und Kontakte zu Ausländern waren ausdrücklich erwünscht. Saratow war bis zum Ende der Sowjetunion wegen der dort angesiedelten Rüstungsindustrie eine für Ausländer komplett geschlossene Stadt. Nicht einmal Kreuzfahrtschiffe, die die Wolga befuhren, durften dort anlegen. Als ich das Konsulat eröffnete, kamen die Menschen ohne Furcht zu uns, wollten über Deutschland erfahren, teilten uns mit, wo noch unbekannte Soldatengräber aus dem Zweiten Weltkrieg lagen oder erhofften sich Investitionen von deutschen Firmen, die dann auch tatsächlich eintrafen. Nie werde ich die Berge von Post vergessen, die die Menschen uns waschkörbeweise zusandten. Die Angehörigen des Konsulats wurden zu Feiern eingeladen, wie etwa den Siegesfeiern am 9. Mai oder zu Ostern. Trotz der äußerst schwierigen Versorgungslage, da die staatlichen Firmen nicht mehr konkurrenzfähig produzieren konnten und Investitionen erst langsam anliefen, wehte ein frischer Wind durch das Land. Der Kalte Krieg mit seinem Wettrüsten schien beendet, eine bessere Weltordnung war offensichtlich möglich. Die Menschen wollten nach Jahrzehnten der Isolation nachdrücklich, dass in den deutsch-russischen Beziehungen dieses neue Kapitel aufgeschlagen wurde. Partnerschaften zwischen Universitäten, Städten oder Kultureinrichtungen wurden geschlossen, der Hunger der Menschen nach Informationen aus dem Westen, den sie zuvor nur aus wenigen, gefilterten Mitteilungen kannten, war unstillbar. Die Eröffnung der neuen Vertretung hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, Presse und Fernsehen berichteten ausführlich über die zahlreichen Initiativen unserer Vertretung und oft sprachen mich Menschen in der Fußgängerzone oder auf dem Markt an und wollten wissen, wie es mir geht und welche Eindrücke ich vom Leben in Saratow hatte. Uns allen wurde als Vertreter der Bundesrepublik sehr viel Sympathie entgegengebracht, so auch bei der Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden. Mit meinen Nachbarn pflegte ich enge Kontakte, aber auch zu den vielen Kultureinrichtungen in der Stadt und im Amtsbezirk der Vertretung. Wie sehr hatte sich das Land in kurzer Zeit verändert, wie hoffnungsvoll war diese Zeit und wie zuversichtlich blickten wir alle in die Zukunft.
Wie blicken Sie heute auf Ihre Zeit in Moskau und in der Sowjetunion insgesamt zurück?
Die Jahre in der Sowjetunion haben mir tiefe Einblicke in eine sozialistische Gesellschaft ermöglicht und die gesammelten Erfahrungen haben mich mein Leben lang bis heute begleitet. Wer damals als Tourist in die Sowjetunion reiste, von denen es ja einige wenige gab, der erlebte dieses Land geführt in einer Gruppe von seiner Schokoladenseite: die goldenen Paläste der Zarenzeit, die altehrwürdigen Kirchen und Klöster auf dem Land oder die prachtvollen Museen in den wichtigen Städten.
Ich hingegen sah wo überall die ausufernde Misswirtschaft, die hohle Propaganda und die mangelnde Freiheit der Menschen, die ja nicht ins Ausland reisen durften und keinen Zugang zu ausländischen Medien oder Kontakte zu Ausländern haben durften.

Ich verstand mich in meiner Auffassung bestätigt, dass ich auf der richtigen Seite der Geschichte aufgewachsen war und ich mich für die Werte, die ich im Westen gelernt hatte, weiter einsetzen wollte und will. In den 70er und 80er Jahren gab es im Westen Deutschlands nicht nur eine Deutsche Kommunistische Partei, gegründet 1968, sondern auch Menschen, die mit der Ideologie der Sowjetunion sympathisierten und sich für die Abschaffung des Kapitalismus oder eine Verstaatlichung von privaten Firmen einsetzen. Die Zeit in der Sowjetunion hat mich gelehrt, wie weltfremd solche Überlegungen waren und sind. Staatliche Gängelung, Zensur und allgegenwärtige Überwachung widersprechen fundamental unseren Werten und unserer freiheitlichen Ordnung. Nur unterdrückt und ohne Freiheit können Mensch nicht glücklich sein. Meine Zeit in der Sowjetunion war zusammenfassend nicht einfach, aber sie war sehr lehrreich und die seinerzeit gesammelten Erfahrungen möchte ich auch nicht missen. Mein Auftrag mich als Angehöriger des Auswärtigen Diensts für eine gerechtere und friedlichere Welt einzusetzen, wurde durch meine Zeit in Moskau nur bestärkt.
