Infrarot Artikel

Infrarot

Kommunismus aus der Perspektive der nationalen Minderheiten in Rumänien

von Daniel Cautnic, Niklas Brückmann, Tobias Fuchs, Maria Junesch und Laurențiu Pistol

Nach einer Phase politischer Instabilität von 1944 bis 1947 unter der Besatzung durch die sowjetische Armee wurde am 30. Dezember 1947 die Monarchie in Rumänien abgeschafft und die Rumänische Volksrepublik prokla­miert. Unter mehreren Regierungen und zwei markanten Diktatoren erlebte die rumänische Gesellschaft, deren Vielfalt durch 20 nationale Minderheiten repräsentiert wird, zunächst den proletarischen Internationalismus (1947–1964) und anschließend den Nationalkommunismus (1964–1989), die sich in ständiger Veränderung und Neugestal­tung befanden. Die nationalen Minderheiten machten sowohl gemeinsame als auch unterschiedliche Erfahrungen im Vergleich zur rumänischen Mehrheit. Es ist uns eine große Ehre, unserer Leserschaft im Rahmen dieser Ausgabe sowie der bevorstehenden Ausstellung einige Perspektiven der von Nicolae Ceaușescu so bezeichneten „Ungarn, Deutschen und Angehörigen anderer ansässiger Nationalitäten“ näher bringen zu können.

Armenische Minderheit:
Dr. Varujan Vosganian 
(geb. 1958)

1981, als ich im vierten Studienjahr war, schrieb ich mehrere Artikel, darunter einen mit dem Titel „Die Vereinigung der kommunistischen Studenten: Macht ohne Ruhm“, der zeitgleich mit den freien Studentenbewegungen in Polen erschien. Daraufhin wurde ich von der Securitate überwacht, die feststellte, dass ich nichts organisierte, und dennoch meine Exmatrikulation forderte. Die Professoren widersetzten sich jedoch, da ich den besten Notendurchschnitt hatte. Trotzdem wurde mir eine Doppelzuweisung nicht erlaubt – also weder eine Stelle an der Universität noch an einem Forschungsinstitut – und so nahm ich eine Position in der Brauerei „Bragadiru“ an, wo ich als Ökonom ohne jeglichen Kontakt zu den Securitate-Offizieren in einer bescheidenen Stellung arbeitete.

Vorsitzender der Union der Armenier in Rumänien und des Schriftstellerverbands Rumäniens

Stellvertretender Vorsitzender der Union der Armenier in Rumänien

Sirun Terzian (geb. 1958)

Das Tragen eines armenischen Namens hatte sowohl positive als auch negative Aspekte. Beim ersten Kontakt mit neuen Menschen wurde ich mit der armenischen Minderheit assoziiert, die als fleißig und ruhig galt. Gleichzeitig verspürte ich die Verantwortung, den Ruf meiner Gemeinschaft nicht zu beschädigen. So wurde meine Mutter Staatssekretärin im Bereich der Leichtindustrie und später Direktorin eines Baumwollverarbeitungsbetriebs; diese Positionen hätte sie nicht einnehmen können, wenn sie den Namen meines Vaters, Terzian, getragen hätte. Sie behielt ihren Namen Șoană und war als Genossin Șoană bekannt.
Im Kommunismus musste man, wenn man beispielsweise Jura studieren wollte, eine Akte einreichen, die belegte, dass man aus einer „guten“ Familie stammte, mit Eltern, die Parteimitglieder waren. Wegen des Namens Terzian hätte ich dieses Studium nicht aufnehmen können; nach der Revolution war es mir jedoch problemlos möglich.

Deutsche Minderheit:
Hans-Georg Junesch 
(geb. 1970)

Kirchliche Veranstaltungen für Jugendliche, wie es sie heute gibt, waren verboten. Interessanterweise war jedoch der Konfirmandenunterricht erlaubt, ebenso wie die Sonntagsschule im geschlossenen Rahmen des Pfarrhauses, nicht jedoch in der Schule.
Ich habe an inoffiziellen Ferienlagern der evangelischen Kirche teilgenommen, die meist im kleinen Rahmen stattfanden, etwa in der kirchlichen Jugendgruppe oder als Zeltlager in den Bergen mit Jugendlichen aus verschiedenen Orten. Obwohl solche Zusammenkünfte offiziell nicht erlaubt waren, wurden sie als Ausflüge getarnt und von den Pfarrern organisiert; selbst nach einer Polizeikontrolle im Jahr 1986 und möglichen Verwarnungen fanden diese weiterhin statt.

Pfarrer der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien

Chefredakteurin der "Hermannstädter Zeitung"

Beatrice Ungar (geb. 1963)

In Hermannstadt durften wir nicht viel über Politik schreiben. Alles, was erschien, kam bereits aus Bukarest übersetzt – die sogenannten „Konserven“, also die Reden des Diktators. Praktisch schrieb Nicolae Ceaușescu die Zeitung. Die einzige Seite, auf der man frei schreiben konnte, war die 8. Seite, die dem „Sport“ und den „Veranstaltungsankündigungen“ gewidmet war.

Früher gab es keine Pressefreiheit. Der Chefredakteur musste jeden Mittwoch zur Partei gehen, um Bericht zu erstatten. Am Freitag musste er erklären, warum bestimmte Dinge nicht in der Zeitung erschienen waren. Mit dem Eintreffen von Nicu Ceaușescu, dem Sohn des Staatspräsidenten, in Hermannstadt war dies jedoch nicht mehr notwendig. Da er diese Berichte nicht mehr wollte, sagte er uns: „Ihr wisst ja schon, was ihr nicht schreiben dürft.“

Johann Kautnik (geb. 1943)

Die Kommunisten in Bistritz glaubten, dass alle Deutschsprachigen Faschisten seien. Deshalb durfte mein Vater nicht mehr unterrichten. Aus demselben Grund wurde ich 1950, als ich in die erste Klasse kam, unter allen Schülern nicht zum Pionier gemacht. Aus Angst vor einer Verhaftung durch die Securitate brachte uns mein Vater die deutsche Sprache nicht bei. Ich fand jedoch ein Lehrbuch „Ich lerne Deutsch“ auf dem Dachboden und lernte es selbst. Wir lebten von den Obstgärten, die wir hatten, und vom Unterhalt meiner Mutter von 174 Lei (heute ca. 250 €), was für eine fünfköpfige Familie nicht ausreichte.

Ehemaliger Sachverständiger des rumänischen Justizministeriums

Mitglied des Verbands Bildender Künstler in Rumänien

Italienische Minderheit
Angela Tomaselli (geb. 1943)

Wir hatten nicht die Möglichkeit, nach Italien zu reisen. Mein Vater hat Italien nie gesehen, obwohl er es sich sehr gewünscht hätte. Ich konnte erst in den 1980er-Jahren dorthin fahren, für eine Ausstellung an der Accademia di Romania. Obwohl meine Fahrt bezahlt wurde, erhielt ich nur 5 Dollar für alle Ausgaben. Die Verwandten, die mich aufnahmen, waren schockiert über diese demütigenden Bedingungen. Ich reiste mit rumänischen Papieren, da mir niemand gesagt hatte, dass ich rechtlich gesehen noch italienische Staatsbürgerin war.

Verwandte, die ausgewandert waren, besuchten uns und brachten Geschenke mit. Eine Verwandte begann zu weinen, als sie ihrer Nichte eine Banane gab und das Mädchen sie mitsamt der Schale aß – sie hatte bis zu diesem Alter noch nie Bananen oder Orangen gesehen.

Jüdische Minderheit:
Eva Maria Carașcă neé Keppich (geb. 1944)

Mein Vater war ein genialer Buchhalter und Direktor einer Textilfabrik in Temeswar, die eigentlich einem Juden aus Israel gehörte. 1948, im Zuge der Nationalisierung, wurde die Fabrik verstaatlicht, mein Vater entlassen und auf eine schwarze Liste der „Ausbeuter“ gesetzt. Fast zehn Jahre lang konnte er nicht arbeiten.

Wir lebten in einem Haus mit drei Zimmern zusammen mit meinen Eltern, Großeltern und meinem Bruder. Im Keller gab es einen Raum, in dem eine Arbeiterin untergebracht wurde. Wir waren sechs Personen ohne jegliches Einkommen. Deshalb vermieteten meine Eltern ein Zimmer an zwei Studenten. Wir hatten einen kleinen Hof und hielten Gänse und Hühner, um sie zu verkaufen. Meine Mutter verkaufte selbstverständlich auch ihren Schmuck. Ich erinnere mich noch gut daran, wie nach und nach Möbel aus den Zimmern verschwanden – sie haben alles verkauft.

Lehrerin für Russisch, Französisch und Rumänisch

Dozent der Universität Bukarest

Lipowaner-russische Minderheit
Dr. Alexandr Varona (geb. 1973)

Mein Vater war am Ende des Krieges 14 Jahre alt. Mit 15 arbeitete er auf den sogenannten Jugendbaustellen und schrieb sich später an der Pädagogischen Schule mit russischer Unterrichtssprache in Bukarest ein, um Lehrer an Schulen für Lipowaner-Russen zu werden. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Rumänien im Jahr 1958 wurden die russischsprachigen Schulen geschlossen, und Russisch blieb nur noch als Fremdsprache im Lehrplan erhalten.

In meinen ersten Lebensjahren spürte ich keinen politischen Druck. Damals wurde eine sozialistische Nationalkultur gefördert. In der fünften Klasse hatten wir wöchentlich eine Stunde politische Information, in der uns der Rumänischlehrer eine Zeitung brachte und uns daraus vorlesen ließ.

Roma-Minderheit
Luminița Mihai-Cioabă (geb. 1957)

1986 begann eine Verfolgung der Roma, verdeckt vom sicherheitsstaatlichen Regime.

Mein Vater, Ion Cioabă, inzwischen Bulibașa, wurde von den Roma gebeten einzugreifen, und er erhielt eine Audienz bei General Nuță, der sagte: „Herr Cioabă, ist jemand zu Ihnen gekommen, um Gold von Ihnen zu verlangen? Kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten. Wir müssen unsere Arbeit machen.“

Da er den General verärgert hatte, wurde mein Vater in Bad Felix festgenommen und nach Hermannstadt gebracht, wo die Roma aus der Werkstatt verhaftet und geschlagen wurden. Eine Frau erlitt nach den Schlägen auf der Treppe der Polizei eine Fehlgeburt und starb kurz darauf. Ich selbst wurde geschlagen, aber freigelassen. Ich informierte die Roma-Gemeinschaften im Ausland, die von der Ungerechtigkeit berichteten.

Präsidentin der Roma-sozialkulturellen Stiftung “Ion Cioabă”

Professor Emeritus der Universität Bukarest

Dr. Gheorghe Sarău (geb. 1956)

In der Bibliothek lieh ich mir die beiden Werke von Jean-Alexandre Vaillant aus und schrieb von Hand eine kleine 13-seitige Grammatik, wobei ich die Romani-Sprache zuvor studiert hatte. Die Bibliothekare unterstützten mich beim Umgang mit den Büchern, und nach zwei Jahren erstellte ich einen historiographischen Ansatz zur Sprache und Folklore der Roma in Rumänien.
Obwohl der Linguist Alexandru Rosetti von dem Manuskript begeistert war, erklärte Alexandru Graur, dass „bei uns nicht mehr über Zigeuner geschrieben wird“, und 1985 erhielt ich das Urteil, dass eine Veröffentlichung nicht möglich sei. Manchmal blockierten die Nachfolger die Einsendung von Manuskripten, da sie wussten, dass sie von der Zensur im Kulturministerium nicht genehmigt würden.

Tatarische Minderheit
Dr. Aledin Amet (geb. 1967)

Viele Tataren wurden aus politischen Gründen inhaftiert und als „Kulaken“ abgestempelt. Mein Großvater wurde nur deshalb ins Gefängnis gesteckt, weil er als Kulak galt, obwohl er in Wirklichkeit nichts anderes war als ein fleißiger Mensch, der sich seiner Gemeinschaft gewidmet hatte. Man muss jedoch anerkennen, dass es einige – nicht viele – Personen gab, die inhaftiert wurden, weil sie der Legionärsbewegung angehört hatten. Dennoch mussten die meisten Tataren leider aus Gründen des „Tatarismus“ ins Gefängnis, das heißt, weil sie ihren tatarischen Brüdern aus der Krim geholfen hatten, die infolge der Deportationen von 1944 nach Rumänien geflohen waren.

Ehemaliger Abgeordneter des rumänischen Parlaments

Mitglied des Europäischen Parlaments

Ungarische Minderheit
Iuliu Winkler (geb. 1964)

Meine Eltern wollten, dass ich Fremdsprachen lerne: Ich ging in einen deutschen Kindergarten und dann in eine ungarische Grundschule. In den 1970er Jahren wurde der Unterricht in den Minderheitensprachen schrittweise eingeschränkt. Nach der vierten Klasse setzte ich auf Drängen meiner Mutter in rumänischer Sprache fort, um bessere Chancen im Leben zu haben – ein sprachlicher Opportunismus, der bei Minderheiten üblich war.

Ein weiterer Opportunismus war die Berufswahl. Ich bestand das Abitur mit dem Durchschnitt 10 (fehlerfrei). Obwohl mich Wirtschaft anzog, benötigte das sozialistische Regime der 1980er Jahre keine Wirtschaftsexperten, höchstens Buchhalter; bevorzugt wurden Ingenieure. Deshalb entschied ich mich, Ingenieurwesen in Temeswar zu studieren. Nach dem Studium arbeitete ich die ersten Jahre in einem staatlichen Betrieb.

László Tőkés (geb. 1952)

Mit der Einführung der Systematisierung war das gesamte ungarische Erbe und der nationale Schatz in Gefahr. Aus diesem Grund legte ich zusammen mit den reformierten Pfarrern in Temeswar eine Eingabe gegen die Systematisierung vor, die auch international verbreitet wurde. Dies führte zu meiner Vertreibung und einer zweiten Verfolgung.

Am 15. Dezember 1989 versammelten sich die reformierten Gemeindemitglieder vor meinem Haus als Zeichen der Solidarität. In den folgenden zwei Tagen schlossen sich auch andere Einwohner Temeswars an, unabhängig von Religion oder Ethnie. Es entstand eine lebendige Solidaritätskette, die sich vom Haus um die Kirche erstreckte und den Straßenverkehr stoppte. Diese Solidaritätsdemonstration verwandelte sich in eine Protestaktion gegen das kommunistische Regime. Zum ersten Mal wurde gerufen: „Nieder mit Ceaușescu! Freiheit!“

Bischof Emeritus der Reformierten Kirche in Rumänien und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Parlaments

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