Ist Rot das neue Grün?

Ist Rot das neue Grün?

Wie der Erfolg der Linken bei jungen Wähler*innen an den der Grünen in den 70ern und 80ern erinnert

von Milena Tragsdorf

„Kommt bei den Grünen nun der Linksruck?“ schrieb die FAZ zu ihrer Niederlage bei der Bundestagswahl 2025 – Es lässt sich mit Gewissheit sagen, dass die junge Wählerschaft der Grünen einen Linksruck erleben. Laut Wahlanalyse der Tagesschau haben die Grünen so, gemessen an den Wahlergebnissen der vorherigen Bundestagswahl, 13 Prozentpunkte ihrer jungen Wähler*innenschaft (18 bis 24-Jährige) verloren, während die Linken 17 Prozentpunkte dazu gewannen. Es scheint, als wären die jungen Wähler*innen der Grünen zu den Linken gewandert. Eine Vermutung, welche durch die Grün­dung der Jungen Linken durch ehemalige Mitglieder der Grünen Jugend gestärkt wird. In der Presse liest man, die Grünen hätten sich verbürgerlicht und somit ihren Ruf als Anti-Establishment-Partei verloren. Die­se hinterlassene Lücke scheint nun durch Die Linke gefüllt zu werden. 

1983 zogen die Grünen als Öko-Par­tei der Anti- Atomkraft-Be­wegung in den Bundes­tag ein. Ihr Erfolg war das Re­sultat der Friedens-, U m w e l t - und Anti- Atom-Bewegun­gen, welche ihr den Ruf einer systemkritischen Partei gab. Doch mit zunehmendem Erfolg veränderte sich die Parteilinie zu der einer gemäßigteren Partei des linken Spektrums. Dies war das Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen den sogenannten Fundis und Realos, also zwischen den eher linken Parteigründer*innen und den Realpolitiker*innen der Partei. Heute ist die Entwicklung der Grünen, welche ihr unter anderem zu ihrem Erfolg verhalf, als „Verbürgerlichung“ bekannt. So verschob sich das stereo-typische Bild des ursprünglichen Grünen-Wählers von einem jungen linken Anti-Atomkraft-Demonstranten zu einem wohlhabenden Lastenradfahrer, welcher im Biomarkt einkaufen geht – ein Inbegriff von städtischem Wohlstand. Mit ihrer zunehmenden Popularität näherten sich die Grünen unter Habeck und Baerbock zunehmend der politischen Mitte und sogar den konservativen Kräften an. Man erinnere sich an den Geburtstagsbrief Annalena Baerbocks und Robert Habecks anlässlich des 75. Geburtstags der CDU im Jahr 2020, in welchem diese als „Garant für Stabilität und Verlässlichkeit“ bezeichnet wurden, „[s]o wie wir immer schon etwas wollten, seid Ihr immer schon etwas gewesen.“ Angesichts des späteren respektlosen Tons, in welchem die CDU je-doch von „diesen Grünen“ sprach, waren einige Wähler*innen von der defensiven Haltung der Grünen enttäuscht. Laut der TAZ musste auch die Grüne Jugend 2024 zahlreiche Austritte vermerken, während die Junge Linke, als partei-ungebundene, der Linken jedoch nahestehende Jugendorganisation, später von zahlreichen Beitritten berichtet hatte.

Mit der Abspaltung des BSW unter Sarah Wagenknecht schlug Die Linke einen neuen Kurs ein. Die Linke galt zwar seit ihren Anfängen als eine Partei des Anti-Esta­blishments, jedoch fehlte ihr die zugehörige offensive Kommunikation. Mit dem starken Auftritt Heidi Rei­chinneks erzielte Die Linke einen großen Erfolg auf Social Media, welcher sich auch in den Ergebnissen der Bundestagswahl 2025 widerspiegelte. Reichinnek präsentiert sich als eine unerschrockene Rednerin, mit einem klaren, direkten, schnellen und offensiven Stil. Ihr Auftreten als junge tätowierte Politikerin in lege­rer Kleidung macht sie, vor allem für junge Frauen, zu einer Identifikationsfigur und bringt ihrer Partei so Wähler*innenstimmen ein. Eine ähnliche Projektions­fläche erlebten die Grünen bereits in den 80er Jahren mit Joschka Fischer.

Als Joschka Fischer 1985 vereidigt wurde, war er um­geben von Abgeordneten in teuren Anzügen – er selbst trug Sneaker und Jeans. Fischer stach so heraus und zeigte einen offenen Widerstand gegen herrschende Konventionen. Junge alternative Wähler*innen, wel­che mit der eher konservativen Politik unzufrieden waren, sahen in Fischer eine Projektionsfläche. Mit zunehmendem Erfolg wurde Fischer Teil der „Realos“. Er meinte, man müsse auch zunehmend ein eher bür­gerliches Milieu ansprechen und das Bild einer Wider­standspartei ablegen, um einen Wahlsieg zu erzielen. Auch nach einer starken Erfolgsphase der Grünen in den späten 2010er Jahren, geprägt durch die jugend­liche Bewegung Fridays for Future, gelang es den Grü­nen nicht, ihre junge Wähler*innenschaft zu halten. Dies wirft eine wiederkehrende Frage auf: Kann sich eine Partei des Anti-Establishments auch bei zuneh­mendem Erfolg in ihrer Rolle halten oder muss sie koalitionstauglicher werden?

Junge Wähler*innen sind bekannt dafür, junge alter­native Parteien des Anti-Establishments zu wählen. Nähern sich diese Parteien aufgrund zunehmenden Erfolges immer mehr der politischen Mitte an, so entsteht dort eine Lücke, wo einst eine Partei einer randpolitischen Jugend verortet war, welche zu füllen gesucht wird. Auch im rechten Spektrum lässt sich eine Wähler*innenwanderung unter jungen Erwach­senen beobachten. Vermerkte die CDU, gemessen an den Wahlergebnissen der vorherigen Bundestagswahl, einen Wähler*innenanstieg von lediglich 3 Prozent­punkten bei den 18 bis 24-Jährigen, so waren es bei der AfD 14 Prozentpunkte. Doch stellt sich auch hier die Frage, ob die AfD ihre stark rechte Parteilinie dauerhaft beibehalten wird, da bereits auf kommuna­ler Ebene eine Milderung zu sehen ist. Schlussendlich sind linke und rechte Randparteien als Anti-Establish­ment-Parteien nicht vergleichbar, da sie grundsätzlich unterschiedliche Positionen zur Demokratie einneh­men, doch ist die Wähler*innenwanderung junger Er­wachsener zu politischen Randspektren sowohl links als auch rechts zu beobachten. Der Zyklus einer jungen systemkritischen Partei, welche die bestehende Lücke füllt, lässt sich also immer wieder beobachten – ob rechts oder links, systemkritische Randparteien ernten häufig die Stimmen frustrierter junger Wähler*innen. Haben die Grünen diesen Prozess in den 70er und 80er Jahren durchgemacht, so tut die Linke dies gegenwär­tig. Schließlich erinnert Reichinneks unkonventionelle Art an die Joschka Fischers – eine Erfolgsmethode linker Parteien, welche vielleicht auch nur dort erfolg­reich sein kann. 

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