MAGA und der Glaube and die Erlösung

MAGA und der Glaube an die Erlösung einer Nation

Warum Donald Trumps Bewegung mehr ist als ein politisches Lager – und weshalb sie für viele Anhänger*innen religiöse Funktionen übernimmt

von Niklas Brückmann

Als Donald Trump wenige Wochen nach Beginn seiner zweiten Amtszeit bereits Merchandise für „Trump 2028“ verkaufen ließ, obwohl die US-Verfassung eine dritte Amtszeit untersagt, war das mehr als ein Marketing-Gag. Es war ein Signal. Für viele Anhänger*innen ist Trump nicht einfach ein Präsident auf Zeit. Er ist Hoffnungsträger, „Märtyrer“ oder gar von Gott gesandt.

Die „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA) hat sich längst von einer Wahlkampfformel zu einer identitätsstiftenden Weltanschauung entwickelt. Wer verstehen will, warum Loyalität zu Trump für manche wichtiger ist als institutionelle Regeln oder überprüfbare Fakten, dem kann das Phänomen „politischer Religionen“ Beihilfe verschaffen. 

Wenn Politik Heilsversprechen macht

Der Begriff „politische Religion“ entstand ursprünglich zur Analyse totalitärer Ideologien des 20. Jahrhunderts. Gemeint ist eine Verschmelzung von Politik und Heilslehre: Eine Bewegung verspricht nicht nur bessere Politik, sondern Erlösung - Sinn, Gemeinschaft, eine strahlende Zukunft. Sie erhebt einen absoluten Wahrheitsanspruch, teilt die Welt in Gut und Böse und verlangt Hingabe.

Solche Bewegungen entstehen häufig dort, wo traditionelle Bindungen erodieren. Wo soziale, ökonomische oder kulturelle Sicherheiten wegbrechen, wächst das Bedürfnis nach Orientierung. Politische Ideologien können dann Funktionen übernehmen, die früher Religionen innehatten: Sie erklären die Welt, identifizieren Schuldige, deuten Krisen als Teil einer größeren Geschichte - und stellen eine Mission in Aussicht.

Die Sehnsucht nach Wiederherstellung

Der Slogan „Make America Great Again“ ist mehr als Nostalgie. Er ist ein Heilsversprechen. Er impliziert, dass es einst eine moralisch intakte Ordnung gab - und dass diese Ordnung durch innere Feinde und äußere Einflüsse zerstört wurde. 

Viele ihrer Anhänger*innen - insbesondere in wirtschaftlich abgehängten Regionen - erleben demografischen Wandel, kulturelle Liberalisierung und ökonomischen Strukturbruch als Bedrohung. Der Verlust von Status und sozialer Sicherheit wird nicht nur als politisches Problem, sondern als moralischer Verfall gedeutet. Hannah Arendt sieht hierin den Ursprung der Anziehungskraft von Massenideologien. Der durch den Verlust des Zugangs zum gesellschaftlichen Leben entwurzelte Mensch wird von Ressentiments getrieben und schließt sich bereitwillig einer Bewegung an, um seinen verlorenen Selbstwert durch das Gefühl von Gemeinschaft zu ersetzen und dem Leben wieder einen Sinn zu geben.

Wer sich gegen diese sozio-ökonomischen Veränderungen einsetzt, kämpft nicht nur für politische Ziele, sondern für das Gute an sich.

Der Retter und seine Mission

Der charismatische Führer dieser Bewegung ist Donald Trump. Er wird von Teilen seiner Basis nicht nur als Politiker wahrgenommen, sondern als Retterfigur, der von Gott auserwählt wurde. Nach dem Attentatsversuch auf ihn wurde das Bild des blutenden, wieder aufstehenden Trump mit erhobener Faust zum ikonischen Motiv - für viele ein Zeichen von Opferbereitschaft und Unbeugsamkeit.

Dabei ist bemerkenswert, dass Skandale, moralische Verfehlungen oder juristische Anklagen diese Verehrung kaum schwächen. Im Gegenteil. Jede Anklage wird als Beweis dafür gedeutet, dass „das System“ den Gesandten bekämpft. Der Angeklagte wird zum Märtyrer, der sich korrupten Eliten widersetzt.

In dieser Logik ist Kritik kein normaler Bestandteil demokratischer Auseinandersetzung mehr, sondern Angriff auf das Heil der Nation. Wahrheit wird zur Frage der Loyalität. Wer widerspricht, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft.

Die starke Zuneigung, die Anhänger*innen zu Trump empfinden, gilt nicht nur ihm, sondern auch der Welt der Sehnsucht und Idylle, die mit ihm verbunden wird. Hierdurch entsteht Anfälligkeit für Demagogie. Sobald erkannt wird, dass diese Sehnsucht unerreichbar ist, benennt der Demagoge eine*n Schuldige*n.

Apokalypse und Feindbild

Wie andere politische Religionen strukturiert auch MAGA die Welt in ein moralisches Drama mit klaren Gegensätzen. Trump spricht regelmäßig von einem Land im Ausnahmezustand, von korrupten Eliten, „Fake News“-Medien oder moralischer Zersetzung. Diese Krisenrhetorik erzeugt ein Gefühl permanenter Bedrohung. Wer an sie glaubt, erlebt Politik nicht als Wettbewerb unterschiedlicher Konzepte, sondern als Endkampf zwischen Gut und Böse.

Verschwörungserzählungen - etwa vom Wahlbetrug 2020 - wirken dabei wie Glaubenssätze. Sie sind immun gegen Widerlegung, weil sie Teil einer umfassenden Deutung der Wirklichkeit sind. 

Die Auflösung der Grenze zwischen Religion und Staat

Politik erscheint nicht mehr als weltlicher Aushandlungsprozess, sondern als Instrument zur Durchsetzung einer moralisch-religiösen Wahrheit.

Für politische Religionen ist diese Sakralisierung des Politischen zentral. Der Staat wird nicht mehr neutraler Rahmen, sondern Träger einer Heilsmission.

Gemeinschaft, Ritual, Identität

Rituale und Symbole stabilisieren die Bewegung.

Rote MAGA-Kappen, Flaggenkombinationen, Massenkundgebungen mit ritualisierten Sprechchören - all das schafft Identitätsfusion. Wer an einer Rally teilnimmt, erlebt Gemeinschaft, Bestätigung, emotionale Aufladung. Der politische Auftritt ähnelt einem Gottesdienst: Musik, Wiederholung, Bekenntnis.

Derartige symbolischen Akte verwandeln politische Ereignisse in religiöse Bezugspunkte.

Fazit

Politische Religion entsteht, wenn weltliche Phänomene religiös inszeniert werden, religiöse Motive in die politische Sphäre hinein verlängert und dort absolut gesetzt werden.

Entscheidend ist nicht, ob Trump selbst fromm ist. Entscheidend ist, welche Funktion die Bewegung für ihre Anhänger erfüllt.

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