Patriarchat im Wandel
Brautvergabe, Bevölkerungspolitik und die neue Geschlechterordnung in China
von Zhanjie Ding
Selbst heute, da China auf internationalen Bühnen so präsent ist und wirtschaftlich eng mit westlichen Ländern verflochten bleibt, ist es keineswegs einfach, gesellschaftliche Entwicklungen im Land wirklich zu verstehen. Bereits in den frühen Jahren des Internets errichtete die chinesische Regierung eine umfassende digitale Abschottung, die dazu führte, dass sich das chinesischsprachige Internet und die globale Online-Öffentlichkeit zu zwei weitgehend voneinander getrennten Parallelwelten entwickelten. In den letzten Jahren jedoch hat ein Thema in beiden Sphären gleichermaßen an Aufmerksamkeit gewonnen: Fragen rund um Frauen sowie die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Doch wie genau wird dieses Thema innerhalb der chinesischen Gesellschaft verhandelt und diskutiert?
Brautgabe, Patriarchat und Protest: Wie ein alter Brauch neue Geschlechterkonflikte entfacht
Dieses Thema ist zunächst eng mit traditionellen Bräuchen verbunden, die historisch mit Frauen und der Institution der Ehe verknüpft sind. Wie in vielen anderen Teilen der Welt war auch die chinesische Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg stark patriarchal geprägt, da Männer eine nahezu uneingeschränkte Autorität über Frauen ausübten. Die gesellschaftliche Stellung der Frau lässt sich treffend durch ein chinesisches Sprichwort zusammenfassen: „Unverheiratet folgt sie dem Vater, verheiratet dem Ehemann, und nach dessen Tod dem Sohn.“ Vor diesem Hintergrund entwickelten sich zahlreiche Praktiken, die Frauen nicht nur objektifizierten, sondern sie auch körperlich und seelisch verletzten. Besonders prägnant ist das Beispiel des sogenannten Füßebindens. Dabei wurden Mädchen bereits im frühen Kindesalter – meist zwischen vier und sechs Jahren – die Füße mit langen Stoffbändern fest umwickelt. Durch den permanenten äußeren Druck brachen und verformten sich die Knochen, sodass schließlich eine bewusst klein gehaltene, deformierte Fußform entstand, die den damaligen männlichen Schönheitsidealen entsprach. Diese Praxis hielt sich über Jahrhunderte und verschwand erst im 20. Jahrhundert allmählich. Vor allem nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei im Jahr 1949 wurde die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen verankert, und grausame Traditionen wie das Füßebinden wurden endgültig abgeschafft.
Doch nicht alle patriarchalen Traditionen sind verschwunden. Eine Praxis, die bis heute fortbesteht, ist das System der sogenannten Brautgabe. Dabei handelt es sich um Geld, Vermögenswerte oder Geschenke, die der Bräutigam oder seine Familie den Eltern der Braut im Rahmen der Eheschließung überreicht. Die Höhe dieser Zuwendungen variiert stark und kann von einigen tausend bis zu mehreren hunderttausend Euro reichen.
Ob die Brautgabe im heutigen China vor allem eine symbolische Geste darstellt oder tatsächlich Elemente einer „Ökonomisierung“ von Ehe und weiblicher Lebensführung enthält, lässt sich nicht pauschal beantworten. Häufig hängt ihre Bedeutung eng mit den wirtschaftlichen Bedingungen der jeweiligen Familie zusammen. Besonders in ländlichen Regionen, in denen das Einkommen vergleichsweise niedrig ist, können die geforderten Summen erheblich ausfallen. Eltern sehen sich dort nicht selten gezwungen, jahrelang zu sparen oder sogar Schulden aufzunehmen, um ihrem Sohn eine Heirat zu ermöglichen. In solchen Fällen erhält die Ehe mitunter einen Charakter, der an eine wirtschaftliche Transaktion erinnert. Bemerkenswert ist, dass diese Praxis, die traditionell auch Züge eines Austauschverhältnisses trägt, heute insbesondere von männlicher Seite zunehmend auf Kritik stößt. Viele junge Männer sehen in der Brautgabe eine erhebliche finanzielle Belastung, die ihre Chancen auf Heirat einschränkt und soziale Spannungen verstärkt.
Aus der Perspektive eines Teils der Männer führt das System der Brautgabe dazu, dass sie sich selbst als Benachteiligte wahrnehmen und zunehmend die Auffassung vertreten, Männer seien in der heutigen Gesellschaft die eigentlich schwächere Gruppe. Diese Sichtweise findet insbesondere unter sogenannten „unfreiwillig Alleinstehenden“ (Incel) in China immer mehr Zustimmung. Unter dem Einfluss dieser Stimmung vermischt sich die Kritik an der Brautgabe zunehmend mit misogynen Haltungen. Diese Dynamik zeigt sich besonders deutlich in sozialen Netzwerken: In den Kommentarspalten unter Beiträgen von weiblichen Nutzerinnen oder Influencerinnen finden sich häufig spöttische oder provokative Bemerkungen wie etwa: „Wie viel Brautgabe müsste man für dich zahlen?“
Gleichzeitig geraten feministische Stimmen in China in eine schwierige Lage, da sie sich entscheiden müssen, entweder eine in gewisser Weise weiterhin Frauen objektifizierende Tradition zu unterstützen oder sich auf die gleiche Seite wie chinesische Incel zu stellen.
Die Debatte um die Brautgabe hat zum einen im chinesischsprachigen Internet wiederholt groß angelegte und teils äußerst hitzige Auseinandersetzungen ausgelöst. Zum anderen gehört sie zu den wenigen geschlechterpolitischen Themen, bei denen sich auch staatliche Stellen öffentlich zu Wort gemeldet und aktiv in die Diskussion eingeschaltet haben.
Mehr Geburten, weniger Gleichstellung? Der Kurswechsel der Geschlechterpolitik in China
Die Haltung der chinesischen Regierung gegenüber Fragen der Geschlechtergleichstellung hat sich im Laufe der Zeit keineswegs einheitlich entwickelt, sondern war von unterschiedlichen politischen Prioritäten geprägt. Seit den 1980er-Jahren führte China die Ein-Kind-Politik ein, die vorsah, dass Ehepaare in der Regel nur ein Kind bekommen durften. Um diese Maßnahme gesellschaftlich durchzusetzen, wurde die Förderung von Geschlechtergleichstellung zu einem wichtigen Bestandteil staatlicher Propagandastrategien. Slogans wie „Ob Junge oder Mädchen – beide sind gleich viel wert“ prägten damals das öffentliche Bild und waren sowohl in Städten als auch auf dem Land allgegenwärtig. So umstritten die Ein-Kind-Politik insgesamt auch war, trug sie doch in gewissem Maße dazu bei, tief verwurzelte Präferenzen für männliche Nachkommen abzuschwächen, die die chinesische Gesellschaft über lange Zeit geprägt hatten.
In den vergangenen Jahren hat sich diese Haltung jedoch deutlich gewandelt. Angesichts der anhaltend sinkenden Geburtenrate sah sich die chinesische Regierung gezwungen, die bisherigen restriktiven Familienplanungsmaßnahmen aufzuheben und stattdessen eine pronatalistische Politik zu verfolgen. Ab 2016 durfte jede Familie zwei Kinder bekommen. Seit 2021 ist auch die Geburt eines dritten Kindes erlaubt. In diesem Zusammenhang wird die traditionelle Rolle der Frau als fürsorgliche Mutter und zentrale Stütze der Familie wieder stärker betont. Gleichzeitig rücken staatliche Diskurse zunehmend ein Ideal von Männlichkeit in den Vordergrund, das mit Attributen wie „Härte“ und „Durchsetzungsfähigkeit“ verknüpft ist, während feministische Positionen häufig delegitimiert und als Teil einer angeblichen „propagandistischen Einflussnahme“ des Westens dargestellt werden. Diese Entwicklung geht einher mit einer intensiveren Kontrolle öffentlicher Meinungsäußerungen: Stimmen, die als potenziell im Widerspruch zur aktuellen Bevölkerungspolitik stehen, werden vermehrt eingeschränkt oder zum Schweigen gebracht.
Im Februar 2026 veröffentlichte eine Stand-up-Komikerin namens Xiaopa auf einer chinesischen Social-Media-Plattform einen kurzen Beitrag, in dem sie schrieb: „Ich lag zwei Tage mit Fieber zu Hause und dachte, wenn ich einen Mann und Kinder hätte, müsste ich mich jetzt wohl an der Wand hochziehen, um für sie zu kochen.“ Nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung wurde ihr Konto gesperrt. Als Begründung führten die Behörden an, sie habe Inhalte verbreitet, die „Geschlechterkonflikte anheizen und Ängste im Zusammenhang mit Ehe und Familiengründung schüren“.
Ebenfalls im Februar dieses Jahres veröffentlichte die chinesische Regierung das sogenannte „Zentrale Dokument Nr. 1“, in dem Maßnahmen zur Eindämmung überhöhter Brautgaben gefordert werden. Zugleich wird darin dazu aufgerufen, „richtige Vorstellungen von Partnerschaft, Familiengründung und Familie“ zu fördern. Offenkundig steht hinter dieser Initiative weniger das Ziel der Geschlechtergleichstellung als vielmehr der Versuch, durch eine Neuordnung gesellschaftlicher Normen die Geburtenrate zu steigern. In den Augen der Regierung werden Frauen zunehmend als Instrumente der Fortpflanzung betrachtet.
Mehr Druck, mehr Stimme
Daran lässt sich erkennen, dass sich die Lage von Frauen in China sowohl im öffentlichen Diskurs als auch auf politischer Ebene zunehmend verschlechtert. Diese Entwicklung wird auch durch statistische Daten gestützt: Zwischen 1982 und 2020, also innerhalb von knapp vier Jahrzehnten, sank die Erwerbsbeteiligung von Frauen im erwerbsfähigen Alter (15 bis 65 Jahre) von rund 77 Prozent auf etwa 55 Prozent.
Dennoch erscheint die Situation – zumindest aus meiner Perspektive – nicht ausschließlich düster. Im Vergleich zu insgesamt eher konservativ geprägten männlichen Rollenbildern zeigen sich viele Frauen offener und aufgeschlossener. Sie sind eher bereit, sich mit Ideen wie Demokratie und individueller Freiheit auseinanderzusetzen, die im chinesischen Kontext häufig als sensibel oder tabuisiert gelten, und begegnen der Welt mit größerer Neugier. Zugleich zeigt sich, dass staatliche Kontrolle von Meinungsäußerungen die Stimmen von Frauen nicht vollständig zum Schweigen bringen kann. Als Bevölkerungsgruppe, die etwa die Hälfte der Gesellschaft ausmacht, üben sie weiterhin Druck aus – mitunter so stark, dass politische Entscheidungsträger*innen gezwungen sind, zumindest in begrenztem Maße Kompromisse einzugehen.
