Quo vadis China?

Quo vadis China?

Wieso Chinas globaler Machtanspruch gebremst wird – und was er für Gegenwart und Zukunft des internationalen Systems bedeutet

von Leander Sachs

Die Volksrepublik China hat seit der wirtschaftlichen Reform- und Öffnungspolitik unter dem chinesischen Parteiführer Deng Xiaopeng Ende der 1970er einen beispiellosen und jahrzehntelangen wirtschaftlichen Aufstieg erlebt, der es ihr ermöglichte, zu einer geachteten internationalen Großmacht zu werden. Damit einher gingen auch eine technologische Modernisierung des Landes und seit der Präsidentschaft von Xi Jinping ein Ausbau des Militärs und eine zunehmende Reideologisierung der Innen- und Außenpolitik. Nicht zuletzt ermöglichen Chinas wirtschaftliche geopolitische Stärke sowie der Glaube an den chinesischen Traum eine von nationalistischer Rhetorik dominierte aggressive Territorialpolitik im Indopazifik.

Abgesehen davon sieht sich das Zhongnanhai seit Beginn der 2020er Jahre mit zwei strukturellen Problemen konfrontiert. Hierdurch wird Chinas ambitioniertes Ziel, bis 2049 führende Weltmacht zu werden und den größten Gegner USA militärisch, technologisch und wirtschaftlich überholt zu haben, ernsthaft gefährdet.

Wirtschaftliche Herausforderungen und eine demografische Krise

Dies sind zum einen strukturelle wirtschaftliche Probleme, denn die chinesische Ökonomie folgt seit Beginn der 2020er Jahre, auch begünstigt durch die Covid-Pandemie, einer deflationären Entwicklung, die die Konjunktur ausbremst. Die Gründe hierfür liegen in der durch Subventionen ermöglichten Produktion heimischer Überkapazitäten, einer landesweiten Immobilienkrise und der damit zusammenhängenden schwachen heimischen Nachfrage sowie einer hohen Jugendarbeitslosigkeit von offiziell 19 %, die zu Perspektivlosigkeit und Resignation bei jungen Chines*innen führt.

Zum anderen bekommt das Land die gravierenden Folgen der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik (1979–2015) zu spüren, die zu einem jährlichen Schrumpfen der Bevölkerung führt und damit das Ziel einer erhöhten Binnennachfrage, die für eine wirtschaftliche Erholung nötig wäre, in die Ferne rücken lässt. Darüber hinaus führt dieser demografische Trend langfristig zu einer Verknappung der Arbeitskräfte.

Daher stellt sich die Frage, wie es angesichts dieser wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen für Peking um die Rolle Chinas im internationalen System steht – insbesondere, wo dieses in ungeahnter Geschwindigkeit und durch klassische Machtpolitik in geopolitische Einflusssphären aufgeteilt zu werden droht.

Hierfür ist es unabdingbar, die ideologischen Vorstellungen Pekings hinsichtlich der eigenen Position in der internationalen Ordnung und deren normativer und sicherheitspolitischer Ausgestaltung kritisch zu beleuchten.

Die „nationale Wiedergeburt“ und Weltmachtanspruch als Ideologie

Chinas politisches Denken folgt einem Grundgedanken, der mit der Machtübernahme Xi Jinpings im Jahr 2012 eingeführt und zur offiziellen Zukunftsvision Chinas erklärt wurde: Bis 2049 – dem 100. Jahrestag der Gründung der VR China – soll das Land in allen Bereichen die führende Weltmacht sein. Demnach sollen bis dahin die USA als derzeit größter geopolitischer Gegner abgelöst und die „Wiedervereinigung“ – de facto Annexion – mit dem von Peking als abtrünnig betrachteten Taiwan erreicht werden. Das darauf basierende und als außenpolitisches Leitmotiv fungierende Programm wird als „chinesischer Traum“ bzw. „nationale Wiedergeburt“ bezeichnet.

Die Anstrengung zur Verwirklichung des Ziels resultiert maßgeblich aus der historischen Erfahrung der als Demütigung empfundenen informellen Kolonialisierung des chinesischen Kaiserreiches ab 1839 und nochmals 1860. Darauf folgten nach der Revolution von 1911 blutige Wirren, eine grausame japanische Besatzung ab 1930 und parallel ein verlustreicher Bürgerkrieg Ende der 1920er Jahre bis zur Mitte des 20. Jh. – Ereignisse, die im kollektiven Diskurs ebenfalls als schmerzhaft und schmachvoll wahrgenommen werden. Daher wird der Zeitraum von 1839 bis 1949, dem Jahr, in dem die Volksrepublik China von Mao Zedong proklamiert wurde, als „Jahrhundert der nationalen Demütigung“ bezeichnet.

Intellektuell untermauert wird der Anspruch einer internationalen Führungsrolle durch das Konzept der „Tianxia“ (Alles unter dem Himmel), das sich an der staatsphilosophischen Denktradition der chinesischen Kaiserreiche orientiert. Demnach soll China das Zentrum der internationalen Beziehungen bilden, an dem sich die anderen Staaten als untergeordnete Vasallen zu orientieren haben. Die Welt wird als eine gemeinsame, aber hierarchisch geordnete Gemeinschaft verstanden. Europa und der Rest der Welt sollen nach dieser Ordnungsvorstellung von China wirtschaftlich und politisch abhängige Pole und dadurch auch leicht zu kontrollieren sein.

Pekings hegemoniale Strategie im Indopazifik

Chinas wachsender geopolitischer Machtanspruch zeigt sich insbesondere in der sich verschärfenden Lage im Indopazifik, indem Peking dort eine expansionistische Territorialpolitik verfolgt und seine schnell wachsende Marine und Küstenwache regelmäßig Militärmanöver ausführen lässt. So droht die chinesische Marine – auch in Form von Seeblockaden – mit der Einnahme von Taiwan durch Waffengewalt, das daher sein Verteidigungsbudget auf 3,3 % des BIP erhöhen will. Im Südchinesischen Meer schüttet Peking künstliche Inseln für den Bau von Militärbasen auf und drangsaliert Anrainerstaaten wie die Philippinen und Vietnam, indem seine Schiffe in deren Wirtschaftszonen eindringen. Die bereits belasteten Beziehungen zu Tokyo wurden weiter verschärft, nachdem Kriegsschiffe der chinesischen Volksbefreiungsarmee – die Bezeichnung für die chinesischen Streitkräfte – im November 2025 in die Gewässer um die japanisch kontrollierten Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer eingedrungen waren.

Angesichts des Verhaltens der chinesischen Streitkräfte in der Region und ihrer kontinuierlichen Aufrüstung reagieren unmittelbar davon betroffene Länder wie Japan, Südkorea, Australien und die Philippinen mit einem Aufrüsten ihrer Streitkräfte, zumal die USA – als eigentliche Schutzmacht dieser Länder im Indopazifik – unter Trump darauf drängen, dass ihre Partner mehr Verantwortung für ihre eigenen Verteidigung übernehmen sollen.

Perspektivisch gesehen wird die sicherheitspolitische Lage im Indopazifik durch drei zu beobachtende Entwicklungen immer angespannter und dadurch das Eintreten einer offenen militärischen Eskalation wahrscheinlicher. Erstens ist es eine logische Konsequenz des Ausbaus und der Modernisierung des chinesischen Militärs, dass die Nachbarstaaten aufrüsten. Zweitens wird das Risiko eines offenen Konflikts dadurch erhöht, dass Peking weiterhin im Süd- und Ostchinesischen Meer militärisch provoziert, auch wenn sich die Vorfälle in einer kalkulierten Grauzone bewegen. Drittens würde eine gewaltsame Annexion der Insel Taiwan einen sofortigen Krieg in der Region herbeiführen, der auch die USA involvierte.

Im Übrigen: Sollte sich die chinesische Führung nicht dazu entscheiden, die Lösung der derzeitigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme zu priorisieren und von der Durchsetzung seines Herrschaftsanspruchs über den Indopazifik abzulassen, ist langfristig gesehen eine offene militärische Konfrontation zwischen der VR China und den USA im Indopazifik unausweichlich. Denn (noch) sind die USA der regionale Hegemon im Indopazifik. Doch China ändert durch seine Militärpolitik das machtpolitische Gleichgewicht in der Region, um die Hegemonialposition einzunehmen. Aus geostrategischen Gründen wird dies jedoch keine US-amerikanische Administration – unabhängig davon, ob Trump im Amt sitzt –zulassen können, und somit steuern beide Länder auf eine militärische Auseinandersetzung zu.

Die EU ist zu geeintem Handeln gezwungen

Angesichts einer steigenden Kriegsgefahr im Indopazifik, die auch weltwirtschaftliche Verwerfungen nach sich zöge, gilt es für die EU, eine langfristig angelegte und von den EU-Mitgliedstaaten getragene Strategie im Indopazifik und insbesondere gegenüber China zu entwickeln.

Strategisch notwendig ist es, die eigene handelspolitische Abhängigkeit von China zu reduzieren, insbesondere im Bereich der kritischen Technologien und seltenen Erden. Dafür sollten die wirtschaftlichen Beziehungen zur Region diversifiziert werden, indem man auf verstärkte Kooperationen mit Ländern wie Japan, Südkorea, Taiwan, Indonesien, Indien und Australien setzt. Gleichzeitig sollte die EU gegenüber China ihre Größe als Markt von 450 Millionen Konsument*innen und die Exportstärke ihrer „Hidden Champions“ einsetzen, die Marktführer in spezifischen Nischen sind. Nur so lässt sich die europäische Industrie wirksam gegen protektionistische Maßnahmen schützen.

Außerdem sollte die EU ihre sicherheits- und verteidigungspolitische Zusammenarbeit mit den genannten Ländern vertiefen. Dies umfasst eine vertiefte Kooperation in rüstungspolitischen, strategischen und nachrichtendienstlichen Angelegenheiten. Realistischerweise ist die EU kein bedeutender Hard-Power-Akteur im Indopazifik, aber angesichts der immensen wirtschaftlichen und geopolitischen Bedeutung dieser Region – hier werden 60 % des globalen BIP generiert, verlaufen zentrale Handelsrouten und sie ist ein Schlüssel der weltweiten Rohstoffversorgung – ist es für Europa von existenziellem Interesse, das durch Pekings Verhalten zunehmend unterminierte machtpolitische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, um regionale Stabilität und Sicherheit sowie freie Lieferketten zu schützen.

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