Rote Faden der soziologischen Theorien

Der rote Faden des Lebens durch soziologische Theorien

Chaos im Inneren, Krise im Äußeren und die Frage, wie sich beides vereinen lässt

von David Schlegel

Manchmal weiß ich nicht mehr weiter. Aktuell: das Weltgeschehen. Das immer weitere Erstarken von rechtsextremistischen Strömungen, die zunehmende Ablehnung von Kompromissen, eine gefühlt fortschreitende Erosion von demokratischen Werten. Die Einordnungen und Reaktionen werden schwieriger. Die Fülle an niederschlagenden Vorgängen erdrückt mich. Überall Chaos in mir!

Seit Jahren allgegenwärtig: familiäres Chaos. Ich habe geweint, gehofft, verdrängt, immer wieder zugehört, an meine Zimmerwand gestarrt. Wie kann ich die Situation für alle verbessern, ohne mein Erlebtes zu ignorieren, zu verdrängen?

Das Chaos hört nicht auf. Es wird allmächtig. Ich schaue in den Himmel; alles wird rot. Die Gefahren sind nicht zu greifen, sie sind überall. Dieses allumfassende Rot. Ich bin ein bewegungsloses Objekt. Wo setze ich an, um Ordnung zu schaffen? Wie soll ich das überhaupt machen? Welche Begriffe benutze ich dafür?

Erving Goffman: Wann wird der korrektive Prozess endlich erfolgreich sein?

„Die Rolle, die wir zu erfüllen trachten, ist die Maske unser wahreres Selbst: das Selbst, das wir sein möchten.“ (Goffmann 1969)

Ich will einfach Ich sein mit allen wunderschönen, aber auch traumatischen Erfahrungen. Ich wünsche mir, dass meine Erfahrungen, mein Erlebtes, akzeptiert, respektiert und gesehen werden. Leider erlebe ich in meinem näheren Umfeld immer wieder eine Diskreditierung meiner Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung. Viele Ereignisse und Beziehungen wurden grundlegend anders erlebt und gewertet. Wie kann ich nach Goffman mit diesen Interaktionsstörungen umgehen? Das Angesprochene übersehen, übergehen oder einfach nicht weiter thematisieren? Schon zu oft getan! Der Vermeidungsprozess mag in vielen Situationen hilfreich sein, aber auf Dauer führt er dazu, dass ich mein Erlebtes, meine soziale Realität, verdränge und somit Sichtweisen meines Gegenübers stillschweigend akzeptiere. Es muss einen anderen Weg geben. Ich kann meine Einwände offen ansprechen, mich wehren und mit Hilfe von Taktgefühl versuchen, zumindest einen Kompromiss zu erreichen. Dieser Versuch eines korrektiven Prozesses hat schon oft stattgefunden. Er ist leider so anstrengend, zeitaufwändig und führt zu keinen langfristigen Verhaltensänderungen.

Doch das allmächtige Rot wird mehr und mehr zu einzelnen Punkten mit Verbindungen. Die Begrifflichkeiten helfen, Halt zu finden, zu sprechen; weg vom bewegungslosen Objekt! Aber warum ist die Kommunikation gerade im korrektiven Prozess so selten erfolgreich?

Niklas Luhmann: Wo ist sie, diese erfolgreiche Kommunikation?

„Liest man Luhmann, wird man überwältigt von der Unwahrscheinlichkeit, daß eine so prekäre Aktion wie die Kommunikation überhaupt gelingen kann.“ (Schwanitz 1990)

Die Unwahrscheinlichkeit des Verstehens, Erreichens und des Erfolges von Kommunikation. Versteht die andere Person, was ich meine? Erreiche ich die andere Person räumlich? Berücksichtigt und reflektiert diese den Inhalt der Kommunikation in ihren zukünftigen Handlungen? Gerade letzteres findet in meiner Wahrnehmung immer nur kurzfristig statt. Trotzdem unternehme ich immer wieder den Versuch einer erfolgreichen Kommunikation, indem ich der Person in langen Gesprächen versuche, vergangene Geschehnisse in Erinnerung zu rufen und behutsam meine Perspektive zu erklären. Soll ich es einfach sein lassen? Lohnt sich dieses Unterfangen weiterhin? Wird die andere Person jemals durch Zurechnungsprozesse den Sinn, die Motivation und Absicht meiner Kommunikation verstehen und dies auch in ihrem Verhalten zeigen?

Viele offene Fragen. In diesem Rahmen werde ich sie nicht beantworten können. Ob ich jemals dazu in der Lage sein werde, ist ungewiss. Doch ich bin nun immer mehr fähig, Sachverhalte und Probleme zu beschreiben. Die rote Gefahr, das familiäre Chaos, bleibt, wird aber greifbarer. Alles wird zu einem roten Faden, auf den ich Zugriff habe.

Michel Foucault: Die Möglichkeit, zum sprechenden Subjekt zu werden.

Foucault „wollte verstehen, wie Subjekte sich mit der Macht der Normen auseinandersetzen und Wege entwerfen, auf denen sich die eigene Existenz neu erfinden lässt.“ (Eribon 2009)

Bleibt zuletzt das Chaos bei allem, was um mich herum geschieht. Wie soll ich damit umgehen? Auch hier werde ich zu diesem Zeitpunkt keine Lösungen finden. Aber ich kann beschreiben: die Regelmäßigkeiten, Widersprüche und Schwellen zwischen Aussagen. Folglich mögliche diskursive Formationen. Das Zusammenspiel von Institutionen, die Rolle von Subjekten und daraus resultierende Gesetze. Daraus ergeben sich weitere Fragen. Wer besitzt die Macht in einem Diskurs? Wer spricht und über wen wird ausschließlich gesprochen? Konkret: Wer spricht wie in Talkshows über Migrant*innen, Bürgergeldempfänger*innen und generell benachteiligte Gruppen? Welche (möglicherweise neuen) diskursiven Praktiken sind ursächlich für weniger Vertrauen in demokratische Institutionen und Prozesse? Wo könnte in einem nächsten Schritt angesetzt werden, um alledem entgegenzuwirken?

Das allmächtige Rot ist für mich zu einem roten Faden geworden. Das Chaos bleibt, doch ich bin als sprechendes Subjekt in der Lage, Dinge zu beschreiben, einzuordnen und so das Chaos als eben dieses für mich zu akzeptieren und als einen Teil von mir zu sehen. Dafür bin ich sehr dankbar. Danke soziologische Theorien!

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