Rote Linien unter 14 Jahren?!
Ein Social-Media-Verbot als Beweis politischer Hilflosigkeit?
von Oliver Kaiser
Status quo
,,Wenn es kein Produkt gibt, (dann bist) du das Produkt“ so formuliert es die YouTuberin und Videobloggerin Alicia Joe in einem ihrer vielen Videos über die Schattenseiten der Nutzung von sozialen Medien. Eine Schatten- und Scheinwelt, angetrieben von psychologisch gesteuerten Algorithmen und einer milliardenschweren Industrie aus Technologiekonzernen, Werbeindustrie und einer konsumgetriebenen Welt aus Schauspiel und geistiger Verarmung.
So oder so ähnlich empfinden es externe Beobachter*innen, wenn sie die Welt der Millionen Nutzer*innen und ihren Konsum sozialer Medien genauer betrachten und insbesondere die diversen Social Media Plattformen wie TikTok, Snapchat, Instagram oder X beobachten. Dabei verbringen insbesondere Menschen der Altersgruppe 16 bis 24 mehrere Stunden ihres Tages auf den bekannten Plattformen. Ein Konsum, der schnell zu einem gefährlichen Strudel aus variablen Glücksmomenten, und dem Weg in eine Sucht aus Dopamin und ,,Doomscrolling“ führen kann. Das kann insbesondere für junge Menschen und Kinder gefährlich werden. Ein gesellschaftlich und politisch diskutiertes Social-Media-Verbot für Nutzer*innen unter 14 Jahren ist zwar ein Medikament gegen die Dopaminsucht und das Abstumpfen einer ganzen Generation, aber helfen wird dieses Mittel (leider) nicht.
Gefahren, Risiken und Probleme
Stundenlang werden Nutzer*innen durch bewusst manipulierende Algorithmen in Filterblasen gefangen und verbleiben damit in einer Welt des einseitigen und fälschlichen Scheins. Ob im Zyklus neuer, immer schneller werdender Konsumtrends, politischer Einseitigkeit und Radikalisierung oder der Verfolgung scheinbarer Routinen für dafür nicht geeignete Zielgruppen.
Dies alles führt zum Überkonsum materieller, aber auch geistiger Ressourcen, insbesondere junger Kinder unter 14 Jahren. Der effektive Kinder- und Jugendschutz ist im Internet und in den Medien dabei nicht ausreichend oder effizient. Die Bestätigung des Alters per Selbstbestätigung in einer App mit mehrheitlichen Inhalten für Erwachsende ist heute einfacher den je. Dabei haben vergangene Fälle miserablen Kinderschutzes gezeigt, wie wichtig der Schutz unserer Kinder auf Online-Plattformen ist. Vergangene Missbrauchsskandale durch Nutzer*innen auf Snapchat, die Entführung und Tötung von Minderjährigen, welche auf Fake-Accounts vermeintlich Gleichaltriger hereingefallen sind, Routinen, welche Körper und Geist strapazierten, oder das Nachahmen vermeintlich harmloser TikTok-Challenges, in denen die Foltermethode des Waterboardings oder der Konsum eines Esslöffels Zimt angepriesen wurden.
Das alles sind nur einzelne der vielen gefährlichen Auswirkungen des Konsums gesteuerter Algorithmen auf Basis einer Glückspielsucht. Dabei ist das endlose Scrolling dazu entwickelt, immer mehr Zeit der Nutzer*innen in Anspruch zunehmen und dabei die Kontrolle vollständig zu gewinnen, um Werbung besser ausspielen und dadurch Gewinne für die Tech-Branche einfahren zu können. Einfach, aber effizient, und nicht als Vorwurf an die Nutzer*innen gerichtet. Die Entwickler*innen nutzen modernste Erkenntnisse der Psychologie, um durch Machine Learning und Algorithmen eine Sucht entstehen zu lassen. Diese Sucht ist das beste Zahlungsmittel.
Dabei verzichten die Entwickler*innen nicht auf die Verbreitung unkontrollierter Inhalte aller möglichen Bereiche: verstörende Inhalte finden sich genauso einfach wie das POV-Video über den neuen Sonnenschutz, sexualisierte Inhalte einfacher als ein Erklärvideo über eine Statistik zum Lieblingsreiseziel der Deutschen. Insbesondere junge Menschen sind in ihrer Entwicklung noch nicht so weit, die Inhalte zwischen dem Realitätsverlust vieler Influencer*innen, KI-generierten oder sexualisierten Inhalten zu unterscheiden und die Schauwelt zu verstehen. Die alleinige Verbotsdebatte für Nutzer*innen, die eigentlich nach den Nutzungsbedingungen der Plattformen gar nicht auf der Plattform sein dürften, zeigt die Gefahr und die Absurdität der unkontrollierten sozialen Medien.
Social Media als Alltagssucht der Kleinsten
Soziale Medien sind heute insbesondere für Kinder ein Risikoaspekt; wer sie nutzt, riskiert langfristige Abstumpfung durch extremere Inhalte, Konzentrationsprobleme oder eine Radikalisierung in Meinung oder Konsum. Wer sie nicht nutzt, gehört heutzutage nicht dazu und läuft Gefahr, in jungen und rebellierenden Jahren als Ausgangspunkt für Mobbing missbraucht zu werden. Eins ist klar, die Debatte ist ernst und sie muss breit und gesellschaftlich geführt werden. Die sozialen Medien sind Fluch und Segen zu gleich, die negativen Folgen zu missachten ist dabei hoch gefährlich. Die psychische Belastung der Kinder und Jugendlichen steigt rasant an, auch durch die ständige Verfügbarkeit, die Reizüberflutung und den Leistungsdruck, welche durch künstliche Trends auf TikTok und Co. geschürt werden. Die ständige Verfügbarkeit neuer Dopamin-Spritzen schon in jüngsten Jahren, und dies immer griffbereit in der Hosentasche, ist eine Gefahr für die gesamte junge Generation. Wollen wir, dass unsere Kinder in einem Gefühl der Leere und des Überkonsums aufwachsen, oder wollen wir sie schützen?
Der ständige Blick auf scheinbar perfekte Leben, Körper oder Haltungen schadet Kindern, welche in ihrer Entwicklung noch nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können. Die Folge: ein Gewöhnungseffekt in bereits jungen Jahren.
Nikotin und Alkohol sind gesetzlich streng reguliert, weil unsere Gesellschaft und die Politik wissenschaftliche Belege über ihre Schädlichkeit hat und das Risiko für junge Menschen reduzieren möchte. Bei dem Missbrauch sozialer Medien, mit einem unglücklich machenden Dopaminmissbrauch als soziales Suchtmittel Nummer Eins, bleiben die Kontrollen, Regeln und Maßnahmen vage und teils nutzlos. Beim Kauf anderer Suchmittel verlangt der Staat zum Eigenschutz Altersnachweise, auf Social Media jedoch können hunderttausende Wildfremde einer Fünfjährigen beim Auftragen ihrer vermeintlich notwendigen Beautyprodukte zusehen. Ohne Folgen.
Politische Hilflosigkeit
Eins ist klar, es braucht einen besseren und stärkeren Schutz junger Kinder und Jugendlichen vor dem Missbrauch der größten Konzerne der Welt. Ein einfaches Verbot ist dabei keine effektive Lösung. 13, 14 oder 16 Jahre, eine klare wissenschaftliche Altersgrenze ist nicht aufzufinden. Ein rein staatliches Verbot bestimmter Altersgruppen von der Nutzung sozialer Medien verlagert das Problem in spätere Altersgruppen, wenn ein solches Verbot überhaupt verfolgt und mit Sanktionen umgesetzt wird.
Die Grundidee einer fortlaufenden Demokratisierung von Medien, dem Internet, der Meinungspluralität und der Verbindung von Menschen für unterschiedliche Zwecke bleibt eines der grundlegenden Vorteile der sozialen Medien. Dieser Wert muss stärker in den Blickfang der Politik genommen und umgesetzt werden, mehr Wissensvermittlung und mehr Aufklärung über die Funktionsweise von Medien und Algorithmen sind dringend notwendig. Ein neues Schulfach zur allgemeinen Medienerziehung könnte helfen, deckt aber nur einen Teil der tatsächlichen Probleme ab, denn hinter verschlossenen Türen ist eine klare Filterung von Medieninhalten kaum möglich. Nicht der Inhalt oder das reine Alter der Nutzer*innen ist hierbei das Problem, sondern die Funktionsweise moderner Social-Media-Plattformen. Entwickler*innen, welche mehr wie Psycholog*innen auftreten, um den Menschen als Produkt kontrollieren und gewinnbringend nutzbar machen zu können, sind das Problem. Die Funktionsweise moderner Plattformen muss transparent gemacht werden, damit Gegenmaßnahmen effektiver umgesetzt werden können. Der eingeschränkte Zugriff von Medieninhalten bleibt aber trotzdem einer der wesentlichen Instrumente der Politik. In klassischen Medien laufen Warnhinweise, welche auch schon vor Jahrzehnten in Funk und Fernsehen getrost ignoriert werden konnten: Das zeigt, das Alter ist nur ein Randphänomen. Mehr Kontrolle gegenüber den Inhalten, mehr Sanktionen gegen Konzerne und Influencer*innen sowie das Verbot von Kinderinfluencer*innen gehören dabei zu den grundlegendsten Instrumenten gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der scheinbar perfekten Welt sozialer Figuren.
Das kürzlich in Australien umgesetzte „Online safety amendment“, welches mit großer Mehrheit von fast allen Parteien verabschiedet worden ist, zeigt vor allem eins: Nutzer*innenkonten wurden gelöscht und gesperrt, die reine Nutzung der Medien sinkt dafür jedoch kaum. Kinder und Jugendliche finden immer Wege und Möglichkeiten, ihre Lieblingsinfluencer*innen etc. zu verfolgen, trotz Verbot oder Sanktionierung. Dabei muss auch die Verantwortung der einzelnen Influencer*innen in den Blick genommen werden. Diese tragen die Hauptverantwortung für Inhalte, Challenges und die realitätsfremde Scheinwelt, welche ohne Vorwarnung das Empfinden junger Menschen degradiert. Die Verantwortung solcher Influencer*innen ist einer der wichtigen Aspekte, um grenzenlose Beeinflussung junger Menschen zu regulieren und dabei den Schutz und nicht die Zensur der Plattformen und deren Nutzer*innen in den Mittelpunkt zu stellen.
Gesellschaftliche Einordnung
Mehr Menschen leiden unter Überforderung, einem Gefühl endloser Müdigkeit und einer Erschöpfung gegenüber ihren Mitmenschen. Die bewusst durch geheime Algorithmen gesteuerten Reels und Kurzvideos verschaffen ein Gefühl ständiger FOMO, ein Gefühl des ständigen Verpassens, und das Gefühl, sich mit dem Leben völlig fremder Menschen vergleichen zu wollen und sogar zu müssen.
Dabei vergessen Menschen die tatsächlichen Verhältnissen in der Gesellschaft; ständige Reisen, ein Leben in Luxus und Überfluss, Konsum als Schlüssel zum vermeintlichen Glück – all dies sind nicht Phänomene der modernen Zeit, sondern Phänomene einer neu erschaffenen Scheinwelt unabhängig von Landesgrenzen und tatsächlicher gesellschaftlicher Realität. Was als gute Ablenkung gedacht war, entwickelt sich zu einer Schauwelt paralleler Absurdität und lässt insbesondere junge Menschen ein neues Niveau gesellschaftlichen Anpassungs- und Verpflichtungsdruck spüren.
Eigene Meinung
Die Erfindung von Social Media gilt wohl als eine der größten Errungenschaften des einst jungen 21. Jahrhunderts. Endlich konnten Menschen unabhängig von Zeit und Raum miteinander kommunizieren, sich aussprechen, über relevante Themen diskutieren, neue Lieblingsteile vorstellen oder tatsächlich Freundschaften fürs Leben finden. Doch diese Idee ist zerschellt. Zerschellt an einer konsumgetriebenen und aufmerksamkeits-gestützten Form neuer Plattformen, welche mehr und mehr negative Einflüsse und Merkmale der Gesellschaft betonen und eine Welt abseits von Arbeitsalltag, Schule, Uni oder den Herausforderungen des Alltags erschaffen haben. Ein solches Medium, welches kaum kontrolliert, kaum sanktioniert und inhaltlich kaum überprüft wird, ist der Ausdruck politischer Kapitulation. Klassische Medien müssen Presserecht und geltendes Recht zu Persönlichkeitsschutz, Datenschutz und eben dem Jugendschutz einhalten, in sozialen Medien fehlt davon in der Realität viel. Mehr Jugendschutz geht nur durch mehr Gesetze und mehr Regulierungen für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz auf den zahlreichen Plattformen. Auch die Creator*innen müssen vermehrt in die Pflicht genommen werden. Gerade solche, die Inhalte für junge Menschen produzieren, müssen Verantwortung sprichwörtlich übernehmen und durch stärkere, nicht zu umgehende, Gesetze reguliert werden, damit die sozialen Medien nicht nur als modernes Teleshopping dienen, sondern auch wieder mehr zu einer sozialeren Plattform des Miteinanders erwachsen kann.
