"This Empire belongs to me"

Nadine Stover

„All that time/ I sat alone in my tower/ You were just honing your powers/ Now I can see it all“ lauten die ersten Zeilen im Refrain von Taylor Swifts Hit „The Fate of Ophelia“. Ein Song, in welchem die 36-jährige Sängerin ihr Liebesleben metaphorisch zu dem von Shakespeares „Ophelia“ aus dem Theaterstück „Hamlet“ vergleicht – dominiert von egozentrischen Männern und unerwiderter Liebe, was sie schließlich in den Wahnsinn trieb. Doch statt wie Ophelia im Bach zu ertrinken, eilte Swift ein Retter zur Hilfe und beschützte ihr „Herz vorm Schicksal Ophelias“. 
Welche weiteren (pop-)kulturellen Referenzen, aktuellen Schlagzeilen sowie privaten Andeutungen Swift in ihrem zwölften Album „The Life of a Showgirl“ aufgreift und warum das Album Fans eher enttäuscht als begeistert hat, soll in dieser Rezension auf den Grund gegangen werden.
Das Album produzierte Swift mit den berühmten schwedischen Künstlern Max Martin und Shellback. Diese haben die Pop-Musik der letzten 20 Jahre wesentlich mitgeprägt: Songs wie „Hot N Cold“ von Katy Perry, „Blinding Lights“ von The Weeknd oder „Problem“ von Ariana Grande stammen aus ihrer Feder. In die Liste der Pop-Stars reihen sich unter anderem die Backstreet Boys, Coldplay, Adele, Ellie Goulding, Ed Sheeran und Lady Gaga mit ein. Schon auf ihren Alben „Red“ (2012), „1989“ (2014) und „Reputation“ (2017) kollaborierte Swift mit den beiden Songwritern.  Besonders bei ihrem neuen Album ist, dass alle Songs ausschließlich von den dreien geschrieben wurden – und zwar noch während Swift mit ihrer „Eras Tour“ um die Welt reiste. Diese gilt als bisher erfolgreichste Tour einer*s Künstler*in überhaupt: In etwa 1,5 Jahren besuchten über 10 Millionen Menschen die Konzerte, was einen Umsatz von knapp 1,9 Milliarden Euro einbrachte. Eben jene Tour inspirierte Swift, „The Life of a Showgirl“ zu schreiben, ein Album, welches in 12 Songs ihr Showgirl-Dasein in Bezug auf Fame, Skandale und Liebe einfängt.

FAME
Der Title Track „The Life of a Showgirl“ erzählt die Geschichte vom lyrischen Ich und ihrem Vorbild Kitty, ein erfahrenes Showgirl, welche ihrem enthusiastischen jungen Fan von einer Musikkarriere abrät: „You’re softer than a kitten/ So you don’t know the life of a showgirl, babe/ And you’re never gonna wanna.“ Das lyrische Ich arbeitet sich dennoch in der Musikindustrie nach oben: „I took her pearls of wisdom, hung them from my neck“ und später: „Now I know the life of a showgirl babe/ And I’ll never know another“. Besonders letzterer Part ist eindeutig mit Swift zu identifizieren, welche mit 16 ihr erstes Musikalbum veröffentlichte und seitdem immer berühmter wurde. Gleiches gilt für die 26-jährige Sabrina Carpenter, welche die zweite Strophe des Songs singt und seit über 10 Jahren auf der Bühne steht. Der Song thematisiert die harsche Musikindustrie, in der besonders Frauen sehr viel Hass erfahren und sich ständig neu beweisen müssen: „Do you wanna take a skate on the ice inside my veins/ They ripped me of like false lashes and then threw me away.“ Ein Thema, welches Swift schon in ihrer Netflix-Dokumentation „Miss Americana“ und dem Song „The Man“ (2019) behandelte. Der Title Track ist der letzte Song des Albums und schließt das Konzept des Albums durch die unterhaltsam erzählte Geschichte rund ab.
In „Eldest Daughter“ (Track Five) singt Swift ebenfalls vom Hass und Druck der Musikindustrie und der Öffentlichkeit, dem Künstler*innen ausgesetzt sind: „Everybody’s cutthroat in the comments/ Every single hot take is cold as ice“. Der fünfte Song ist in allen Taylor-Swift-Alben etwas Besonderes: Jeder „Track Five“ gilt als der sentimentalste und persönlichste Song, in welchem Swift ihre eigenen Erfahrungen sehr nahbar teilt, sodass Fans ihr eigenes Leben in der Musik wiederfinden können. So verwebt Swift eben die üblichen Erlebnisse einer „ältesten Tochter“ mit ihrem eigenen Fame: „Every eldest daughter/ Was the first lamb to the slaughter/ So we all dressed up as wolves and we looked fire“. Musikalisch ist dieser Song allerdings eher enttäuschend und wirkte einfach und monoton, sowie auch lyrisch weniger mitnehmend als andere „Track Fives“ wie „All Too Well“ (2012) oder „You’re On Your Own, Kid“ (2022). 
Auch im Song „Elizabeth Taylor“ greift Swift ihren Ruhm, diesmal aus einem privaten Blickwinkel, auf: „All my white diamonds and lovers are forever/ In the papers, on the screen, and in their minds“. Swift ist bekannt für ihr Songwriting über ihre Ex-Freunde wie Harry Styles, Jake Gyllenhall oder Joe Jonas, ihr Liebesleben wird deshalb oft zur Schlagzeile. Im Song vergleicht sich Swift zur Schauspielerin Liz Taylor, deren Romanzen mit beispielsweise Richard Burton ebenfalls von der Öffentlichkeit beobachtet wurden. Wie wenig sich das Leben eines Showgirls im letzten Jahrhundert in dieser Hinsicht verändert zu haben scheint, ist allein durch den Altersunterschied der beiden Taylors von mehr als 50 Jahren ersichtlich. Musikalisch ist anzumerken, dass die Produktion des Synth-Pop-Songs im Album sehr positiv hervorsticht: Der Wechsel zwischen ruhig gehaltenen Strophen und dem plötzlichen Einschlag von sehr tiefen Drums im Refrain sorgt für ein unvergessliches Musikerlebnis.
Trotz all der Beschwerden ist sich Swift jedoch der Unwiderrufbarkeit ihres Fames und ihrer Macht vollkommen bewusst: In „Father Figure“ spricht Swift sogar von ihrem „Empire“, was ihr nicht mehr genommen werden könne und auch die Geschichte des lyrischen Ichs im Title Track endet auf einer selbstbewussten Note: „And all the headshots on the walls/ Of the dance hall are of the bitches/ Who wish I‘d hurry up and die/ But I‘m immortal now, baby dolls/ I couldn‘t if I tried.“

SCANDALS
Mit großem Ruhm kommen oft große Schlagzeilen. In „Cancelled“ beklagt sich Swift augenscheinlich über die Kontroversen um Blake Lively in Zusammenhang mit Justin Baldoni und deren gemeinsamen Film „It Ends With Us“. Der noch laufende Rechtsstreit (Stand April 2026) kann in seiner Gänze nicht dargestellt werden, Lively wurde medial aber besonders für ihrem Umgang mit dem Thema des Films – häusliche Gewalt – in Interviews kritisiert. Der ironische Unterton Swifts mit der Thematik „Good thing I like my friends cancelled/ I like ‘em cloaked in Gucci and in scandal“ wirkt irritierend. Des Weiteren appelliert sie an Lively: „But if you can’t be good then just be better at it/ Everyone’s got bodies in the attic/ Or took somebody’s man/ We’ll take you by the hand/ And soon, you’ll learn the art of never getting caught.“ Eine weitere Zeile im Song lautet: „At least you know exactly who your friends are/ They‘re the ones with matching scars“, da auch Swift selbst schon im negativen Rampenlicht gestanden hat und sich deshalb 2016 sogar für mehr als ein Jahr aus der Öffentlichkeit zurückzog. Dass Swift die breite Debatte um den Rechtsstreit im Song aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen allein auf den Hass gegen Lively reduziert, zeigt eine sehr eingeschränkte Sicht Swifts auf den Skandal. Anfang 2026 kam ans Licht, dass Swift versucht hatte, Einfluss im Konflikt mit Baldoni zu nehmen.
Ihre Statements im Streit mit anderen Personen durch ihre Songs öffentlich zu machen, gehört zur Handschrift von Swift: Sie mag zwar keine Namen nennen, ihre Texte enthalten aber meist so offensichtliche Andeutungen, dass es keiner besonderen Lyrik-Kenntnissen bedarf, um Swifts Intentionen zu durchschauen. So auch in „Actually Romantic“, den Swift Charlie xcx widmet. Die Künstlerin war der Support-Act bei Swifts Reputation-Stadium Tour (2018) und ließ seitdem durch ihre Musik und öffentliche Äußerungen durchblicken, dass sie sich von Swift eingeschüchtert fühle und singt in „Sympathy is a knife“: „Don’t wanna see her backstage at my boyfriend’s show (…) I hope they break up quick“. Swift sticht mit ihrer Antwort genau in die Wunde, dass Charlie xcx ihr niemals das Wasser werde reichen können, und bezeichnet Charlie als „precious, adorable/ Like a toy chihuahua barking at me from a tiny purse“. Diese überheblichen und geschmacklosen Lyrics baut Swift in den Zeilen „No man has ever loved me like you do“ und „It’s kind of making me wet“ weiter aus. Charlies Hoffnung sollte sich allerdings bewahrheiten, denn sie singt über Swifts Ex-Boyfriend Matty Healy. Noch im selben Jahr (2023) lernte Swift den Footballspieler Travis Kelce kennen, welcher medial auf sich aufmerksam machte, indem er Swift zur Eras Tour ein Armband (ein sogenanntes friendship bracelet) mit seiner Handynummer bastelte. Das Kennenlernen der beiden thematisierte Swift bereits in ihrem Song „The Alchemy“ auf dem vorletzten Album „The Tortured Poets Departement“ (2024), welches sie während der Eras Tour veröffentlichte. Auf „The Life of a Showgirl“ finden sich entsprechend eine ganze Reihe an Love-Songs.

LOVE
Nach über 20 Jahren Musikkarriere und zahlreichen Break-Up-Songs, welche bisher ihre Alben dominierten, schlägt Swift 2025 einen sehr viel positiveren und ermutigenden Tonfall an: In „Opalite“ nutzt Swift den menschengemachten „Opalit“ (ausgehend vom natürlichen Edelstein „Opal“) als Metapher für das Liebesleben, indem man auch schlechte Zeiten wie unerwiderte Liebe oder Einsamkeit durchmachen müsse, um als Mensch geformt zu werden und am Ende glücklich werden zu können: „Sleepless in the onyx night/ But now the sky is opalite“. Im Song „Ruin the Friendship“, der von vergangenen Crushes aus ihrer Schulzeit handelt, adressiert Swift ihre Zuhörer*innen noch direkter: „My advice is always ruin the friendship/ Better that than regret it/ For all time“. Musikalisch unterscheiden sich die beiden Lieder sehr: Im Gegensatz zu der traurigen Ballade („Ruin the Friendship“), ist „Opalite“ als eine fröhliche Pop-Hymne mit verspielten und leichten Texten zu beschreiben, welche den Zuhörenden gute Laune schenkt.
In sehr sanften Melodien und verträumten Lyrics wie „Have a couple kids, got the whole block looking like you“ in „Wi$h Li$t“, oder „Summertime spritz, pink skies/ You can call me ‚Honey‘ if you want because I‘m the one you want“ in „Honey“, besingt Swift ihre Liebe zu Kelce. Allerdings findet sich in diesen Songs wieder eine fehlende Weitsicht Swifts: Als Milliardärin darüber zu singen, dass ihr alles Geld der Welt egal wäre, solange sie ihren Freund habe, wirkt etwas grotesk. Auch die misogyne Zeile „And the bitch was telling me to back off/ Cause her man had looked at me wrong“ ist angesichts von Swifts sonst behauptetem Feminismus eine große Enttäuschung. Mit „Wood“, einem fröhlichen Pop-Song, liefert Swift sehr zweideutige Lyrics wie „The curse on me was broken by your magic wand“ oder „His love was the key that opened my thighs.“ Doppeldeutige Songs können Spaß machen, sie gehören beispielsweise zur Handschrift von Sabrina Carpenter; hier wirken die sexuellen Anspielungen allerdings eher cringe und aufgesetzt, da sie nicht Swifts sonstigem Stil entsprechen. Der erfolgreichste Song des Albums (auch eine Pop-Hymne), „The Fate of Ophelia“, welcher 10 Wochen lang Platz 1 der „Billboard Hot 100“ belegte, ist dagegen lyrisch wie melodisch Taylor Swift durch und durch. Ausgehend vom Musikvideo ermunterte er viele Fans, den gezeigten Tanz nachzuahmen und brachte Freude in die Welt. Swift singt, dass sie vor Kelce beinahe die Hoffnung auf Liebe aufgegeben hätte: „And if you’d never come for me/ I might have drowned in the melancholy/ I swore my loyalty to me, myself, and I/ Right before you lit my sky up“. Mittlerweile sind die beiden verlobt, möglicherweise müssen Fans sich nun zukünftig weiterhin auf Break-Up-Song-lose Alben einstellen.

SHOWGIRL
Obwohl „The Life of a Showgirl“ den Rekord für das meistverkaufte Album innerhalb einer ersten Release-Woche aufgestellt hat – abgelöst wurde „25“ von Adele – waren Fans weniger begeistert als erwartet.  Der kommerzielle Erfolg des Albums sollte nicht zuletzt an den acht Vinyl-Varianten und 18 unterschiedlichen CD-Varianten liegen, die im Oktober erschienen. Dabei wurden im Vorlauf ständig „Limited Editions“ veröffentlicht, welche in einem 48-Stunden-Zeitraum vorbestellt werden konnten. Hierbei lässt sich die Frage stellen, ob es Swift primär um ihre Musik oder mehr um den Gewinn geht. Sind die aufgestellten Rekorde noch authentisch, wenn Fans dazu angeregt werden, mehrfach das gleiche Album, nur eben in anderer Verpackung, zu sammeln? 
Bei Ankündigung des Albums versprach Swift Lyrics im Stil von „Folklore“ und „Evermore“ (2020), zwei lyrisch sehr poetischen Alben, versprochen – was aus Fan-Perspektive alles andere als eingehalten wurde. Das Album fängt die unterschiedlichen Geschichten aus dem Leben einer Künstlerin – einem Showgirl – gut ein. Durch das alleinige Produzieren und Schreiben jedes Songs mit den Produzenten Martin & Shellback folgt ein Pop-Hit dem nächsten. Es ist offensichtlich, dass Swift von vornherein plante, dass „The Life of a Showgirl“ das erfolgreichste Album bis dato werden sollte, was die Musik aber sehr unauthentisch wirken lässt. Dass eine Künstlerin dieses Ziel durch Strategie tatsächlich erreichen kann, zeigt ihre absurd starke Macht über die Musikwelt. Von Swifts „bestem“ Album, wie Swift es selbst bezeichnet, kann allerdings aufgrund der mangelnden Fan-Nähe in den Lyrics nicht gesprochen werden. Swift gehört als Showgirl zu einem der reichsten Menschen weltweit und hat sich über ihre Karriere hinweg immer weiter von ihren Zuhörer*innen entfernt. Eben jenes Leben, welches sie in ihrem Album besingt, ist nicht mit dem Bild von der guten Freundin, welche in ihrem Zimmer Songs schreibt, wie sich Swift in den ersten 20 Jahren ihrer Karriere inszeniert hatte, vereinbar. Die monetäre Spitze ihres Empires mag Swift mit ihrem zwölften Album erreicht haben – enttäuschte Fans sind aber gleichzusetzen mit einem beschädigten Fundament.
 

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