Vom roten Teppich zum roten Tuch
Erst Wahlsieg, jetzt Umfragetief: Die aktuellen Probleme der britischen Labour Party
von Elisa Madelung
Die meiste Zeit über wird die britische Innenpolitik in der deutschen Medienlandschaft eher randständig behandelt. Anfang dieses Jahres sah das etwas anders aus. Schlechte Umfragewerte, Verwicklungen in den Epstein-Skandal, Rücktrittsforderungen an Keir Starmer: Die Negativschlagzeilen für die Labour Party häuften sich. Zugleich führt Nigel Farages Partei Reform UK mit Abstand die Umfragen an, während sich Labour und die Tories zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den zweiten Platz lieferten.
Nun sind unbeliebte Regierungen und hohe Umfragewerte für rechtspopulistische Parteien derzeit keine Seltenheit, und sicherlich lassen sich dafür länderübergreifende Ursachen anführen. Hierzu zählen etwa Schwierigkeiten im Umgang mit komplexen und häufig langfristigen Problemen wie dem demografischen Wandel, der wirtschaftlichen Stagnation oder der Vermögensungleichheit – und das damit verbundene sinkende Vertrauen in die Politik. Dennoch ist die Situation in Großbritannien bemerkenswert. Denn die 14-jährige Torie-Ära wurde im Sommer 2024 mit einem tiefroten „Erdrutschsieg“ beendet. In Zahlen: 412 Sitze für Labour, 121 für die Tories. Damit hat die Labour Party die Mehrheit der insgesamt 650 Sitze inne und konnte ihre Sitzanzahl im Vergleich zur vorherigen Wahl fast verdoppeln, während die Tories zwei Drittel ihrer Sitze einbüßten. Wie also konnte Labour seitdem so viel Zuspruch verlieren?
Die Gründe sind – wie so oft – vielfältig. So waren die Wahlergebnisse 2024 wohl eher eine Niederlage der Tories als ein Ausdruck großer Zustimmung für Labour. Denn in Folge der zähen Brexit-Verhandlungen (2016–2020), der Skandale während Boris Johnsons’ Amtszeit (2019–2022) und der allgemeinen innenpolitischen Turbulenzen mit zeitweise drei Premierminister*innen in nur einem Jahr (2022) erhielten die Konservativen ihr historisch schlechtestes Ergebnis. Hiervon konnte Labour zwar kurzzeitig profitieren, doch scheint es sich dabei nicht um einen langfristigen Effekt zu handeln. Insbesondere Keir Starmer wird häufig als steif und unnahbar wahrgenommen.
Auch die Ergebnisse der aktuellen Regierung lassen – gemessen an den zuvor geweckten Erwartungen – zu wünschen übrig, wie eine Untersuchung des Economist zeigt. Konkret wurden ausgewählte Probleme in den Bereichen Immigration, Einkommen, Wohnsituation, Gesundheit, Energie, Kriminalität, Verkehr und Umwelt hinsichtlich der Fortschritte unter den letzten Premierminister*innen betrachtet. Defizite lägen etwa beim Neubau von Wohnungen, dem Zustand der Straßen und im Gesundheitssektor vor. Als weitere Ursache für die Frustration der britischen Bevölkerung lässt sich die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation ausmachen. Obgleich die Reallöhne zuletzt wieder leicht stiegen, stockt das Wirtschaftswachstum. So stieg das BIP 2025 lediglich um 1,3 %. Reform UK kritisiert daher insbesondere die Höhe der Steuern und der sozialstaatlichen Ausgaben – und beschuldigt die Labour-Regierung, keine wirtschaftliche Expertise zu besitzen. Anfang März polterte Farage etwa in einem TikTok Video: „We’ve never had a more incompetent government. Not a single figure on the front benches has ever worked in private business. We intend to change all of that.“
Vielleicht treffen Botschaften wie diese auch deswegen einen Nerv, weil Labour eigentlich mit großen Versprechen angetreten war. Dies betont Torrin Wilkins, Gründer und Geschäftsführer des parteiübergreifenden britischen Centre Think Tank:
„Another factor is the government’s central promise of ‘Change‘, combined with the reality that we have weak foundations for many public services. As the government is now finding, repairing public services without substantially increasing taxes is a long-term process rather than something that can be achieved quickly.“
Ein weiteres Augenmerk der Regierung liegt auf der Begrenzung von Immigration. Doch trotz sinkender Zuwanderungszahlen im letzten Jahr scheint sich diese Herangehensweise nicht für Labour zu rentieren. Stattdessen wirke die Regierungspolitik abschreckend auf einige linke Wähler*innen, wie Torrin Wilkins erklärt. Die Aufmerksamkeit auf der rechten Seite richte sich hingegen vor allem auf die Boote, die über den Ärmelkanal nach Großbritannien kommen. Laut der Untersuchung des Economist gehe die Anzahl der per Boot Einreisenden jedoch trotz der Bemühungen, Großbritannien unattraktiver für Zugewanderte zu machen, nicht substanziell zurück. Auch diese Situation weiß Reform UK für sich zu nutzen, die das Thema Migration seit Jahren bespielen. So postete die Partei Ende Februar diesen Jahres einen Zusammenschnitt von Videoschnipseln der letzten zwanzig Jahre, in denen Farage jeweils die Notwendigkeit zur Migrationsbegrenzung hervorhebt. Die Videounterschrift lautet: „Nigel Farage will secure Britain’s broken borders.“
Zu Kritik führte im Herbst 2024 außerdem die Entscheidung, Zuschüsse für Heizkosten von Rentner*innen zu streichen, um dadurch Haushaltslücken zu füllen. Auch wenn dies inzwischen wieder rückgängig gemacht wurde, dürfte die Episode nicht zur Beliebtheit der Labour-Regierung beigetragen haben. Unglücklicherweise wanderten zeitgleich Berichte über luxuriöse Geschenke, darunter beispielsweise teure Kleidung oder Konzert- und Fußballtickets, durch die britischen Medien. Diese hatten sowohl Starmer als auch seine Frau und weitere Labour-Politiker*innen über mehrere Jahre hinweg von reichen Parteispendern wie dem TV-Unternehmer und House-of-Lords-Mitglied Waheed Alli angenommen und zum Teil nicht vorschriftsgemäß dokumentiert.
Als weiterer Krisenkatalysator entpuppte sich Peter Mandelson, der jahrzehntelang zu den bekanntesten Gesichtern der Partei gehörte. Trotz bekannter Verbindungen zu Jeffrey Epstein auch nach dessen Verurteilung hatte Starmer ihn zum britischen US-Botschafter ernannt. Diesen Posten musste er im September 2025 aufgrund der Enthüllungen seiner engen Involvierung in den Epstein-Skandal räumen. Auch wenn Mandelson die Partei mittlerweile verlassen hat, taten diese Schlagzeilen Labour gewiss keinen Gefallen. Besonders brisant: Die Weitergabe von Dienstgeheimnissen an Epstein während seiner Zeit als Minister, die Ende Februar gar zu einer kurzweiligen Verhaftung Mandelsons führten. So soll er Epstein beispielsweise vor der offiziellen Verkündung von der Entscheidung zum 500-Milliarden-Euro-Rettungsschirm während der Eurokrise berichtet haben. In diesem Zusammenhang sah sich auch Starmer mit reichlich Kritik bis hin zu Rücktrittsforderungen konfrontiert. Stattdessen traten sein Stabs- sowie sein Kommunikationschef im Februar zurück – ersterer unter anderem, weil er sich besonders für die Personalie Mandelson stark gemacht hatte.
Mandelson ist nicht der einzige Labour-Spitzenpolitiker, der in den letzten Monaten negativ auffiel. Im September 2025 sah sich Angela Rayner aufgrund von öffentlich gewordener Steuerhinterziehung gezwungen, ihre Ämter als Bauministerin, stellvertretende Premierministerin und stellvertretende Parteivorsitzende niederzulegen. Ein gefundenes Fressen für Farage, der sogleich von einem Kabinett aus „wholly unqualified people“ sprach und öffentlich spekulierte, dass Neuwahlen schon 2027 stattfinden könnten.
Hinzu kommen innerparteiliche Konflikte: Wenig überraschend erzeugt die aktuelle Unbeliebtheit des Premierministers Unzufriedenheit in den Reihen der eigenen Partei. So begehren etwa die Parteilinken gegen den gemäßigter orientierten Starmer auf. Insbesondere der Manchester Bürgermeister Andy Burnham gilt als Konkurrent Starmers. So verhinderte die aus Starmer-Vertrauten bestehende Parteispitze Ende Januar Burnhams Bewerbung um einen frei gewordenen Sitz im britischen Unterhaus – offiziell mit dem Argument, dass der Partei besser gedient sei, wenn er weiterhin als Bürgermeister tätig ist.
Auch links von Labour profitiert man von der Schwäche der aktuellen Regierungspartei, wie etwa der Sieg von Hannah Spencer (Green Party) in der Nachwahl eines Parlamentssitzes Anfang Februar zeigte. Zu allem Überfluss handelte es sich hierbei auch noch um einen Sitz aus Manchester – eigentlich eine Hochburg der Labour Party. Dieses Mal blieb sie jedoch hinter Reform UK auf dem dritten Platz zurück. Auch Torrin Wilkins verweist auf die aktuellen Erfolge der Green Party und begründet die Wähler*innenwanderung nach links und rechts wie folgt:
„The simplest explanation is that these parties offer large-scale change, either in a more right-wing or left-wing direction. At the same time, traditional voting patterns have begun to weaken. Many voters supported Labour in the most recent election but had supported the Conservatives in the election before that. As these patterns break down, voters are increasingly willing to switch parties or to vote tactically.“
In Anbetracht der aktuellen Verschiebungen ist es kein Wunder, dass die nächsten Wahlen am 7. Mai diesen Jahres mit Spannung erwartet werden. Neben den englischen Kommunalwahlen stehen hier Entscheidungen für das schottische und das walisische Parlament an. Sollte das Ergebnis wie erwartet schlecht für Labour ausfallen, könnte dies die derzeitige Krise noch verstärken – auch wenn sich die Partei auf Bundesebene nach regulärem Wahlverlaufsplan erst 2029 wieder zur Wahl stellen muss.
