Wie politisch ist die Liebe?

Wie politisch ist die Liebe?

von Fabian Etscheid

Was ist Liebe für dich? Das fürsorgliche Küm­mern der Eltern? Die jahrelangen Freund­schaften, in denen man sich alles anver­trauen kann? Die romantische Anziehung, die man zu seinem Freund oder zu seiner Freundin verspürt? Die Vaterlandsliebe? Die christliche Nächstenliebe? Die Antworten mögen extrem unterschiedlich sein, je nach­dem, wie alt man ist, in welcher Lebenslage man sich befindet, oder wie der persönliche Wertekanon ausgerichtet ist. Liebe ist extrem vielfältig. Aber egal, woran man bei diesem Begriff als erstes denkt, es ist unbestritten, dass sie wohl der stärkste Ausdruck menschlicher Empfindung ist. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Lie­be und in fast jedem erfüllten Leben nimmt mindestens eine dieser Ausdrucksweisen der Liebe eine große Rolle ein. Liebe ist das zentrale Thema in vielen Filmen und in noch mehr Songs. Die Liebe beschäftigt uns also, in unserem Privatleben und in unserer Kultur. Aber auch auf der höchsten Ebene des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Politik? 

Die verschiedenen Arten der Liebe 

Im Deutschen gibt es für Liebe im Wesentlichen einen Begriff, der ganz viele verschiedene Empfindungen und Konzepte in einem Wort vereint. In der antiken Philo­sophie werden allerdings klare Unterscheidungen vor­genommen. Die Agape ist die Nächstenliebe, Eros die romantische und sexualisierte Liebe, die Philia ist die freundschaftliche Liebe, und die Storge die familiäre Liebe. Die Agape ist sicherlich die öffentlichste Form der Liebe. Wenn man sich auf das Neue Testament be­ruft, fordert die Nächstenliebe explizit dazu auf, Frem­de und sogar die eigenen Feind*innen zu lieben. Somit ist sie auch die politischste Form der Liebe, da (demo­kratische) Politik primär in der Öffentlichkeit stattfin­det, zumindest idealtypisch. Daher werden politische Maßnahmen wie Sozialhilfen auch oft mit dem Argu­ment der Nächstenliebe oder Solidarität begründet. 

Die Entfremdung des Menschen 

Darüber hinaus war Liebe aber lange Zeit ein rein privates Anliegen. Für die meisten Menschen war es selbstverständlich, dass sie sich in Gemeinschaften bewegten, in denen sie auf verschiedene Art und Weise Liebe und Zuneigung erfuhren. Heute ist der Mensch stärker atomisiert und isoliert als je zuvor. Zwar leben wir in einer Welt der steten Kommunika­tion und immer kürzeren Wege, aber gleichzeitig scheinen viele zu vereinsamen. Die Familie wird weniger wichtig, romantische Paarbeziehungen werden unwahrscheinlicher und soziale Netze wie lo­kale Dorfgemeinschaften sind in der urbanisierten Welt seltener. 

Die Politisierung des menschlichen Gemütszustands 

„Jeder Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zu wenig geliebt, weil jeder zu wenig lieben kann.“ Das schrieb der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno. Mit diesem Satz diagnostizierte er schon da­mals die Liebesunfähigkeit der Gesellschaft. In der ka­pitalistischen Moderne, so seine Analyse, durchdringt die Tauschlogik alle Lebensbereiche. Auch Beziehun­gen werden kalkuliert, auf Gegenseitigkeit geprüft und auf Nützlichkeit hin bewertet. Wer so sozialisiert wird, verliert die Fähigkeit zur bedingungslosen Zuwendung. 

Heute, 60 Jahre später, sind viele Auswirkungen die­ses Phänomens auch wieder politisch interessant. Viele Politiker*innen reden über das Thema Einsamkeit, vor allem in Verbindung mit den sozialen Medien. Auch über das diffuse Gefühl des „Abgehängtseins“ wird viel berichtet. Beides sind Symptome von dem, was man vielleicht als generelle Traurigkeit oder Hoffnungslo­sigkeit der Gesellschaft diagnostizieren könnte. Genau in dieser Situation wird die gesellschaftliche Bedeutung von Liebe verdrängt, mit gefährlichen Konsequenzen.

Emotionen, Populismus und soziale Medien

Die affektuelle Ebene, die des menschlichen Gefühls, wird von der Politik (wieder)entdeckt. Jene Emotionen, die rational mal mehr oder weniger zu greifen sind, ma­chen sich dabei aber vor allem Populist*innen zu eigen. Unerfüllte oder frustrierte Bedürfnisse nach Liebe, Ge­meinschaft und Zuwendung verschwinden nicht ein­fach, sondern transformieren sich. Wer sich chronisch ungeliebt, nicht anerkannt oder abgehängt fühlt, dessen Sehnsucht nach Zugehörigkeit sucht ein Ventil. Popu­list*innen verstehen diesen Mechanismus und nutzen ihn. Sie adressieren nicht den rationalen Verstand, son­dern den inneren psychischen Affekt und lenken die­sen auf Feindbilder um. Gerade die sozialen Medien befeuern diesen Effekt, denn dort werden politische Debatten noch einmal stärker emotional geführt, und Echokammern verhindern den rationalen Austausch mit anderem Denken. Wer in den sozialen Medien einmal in das Rabbit Hole des Links- oder Rechtsextremismus fällt, entwickelt oft ein stark ausgeprägtes Freund*in-Feind*in-Denken. Dies kann sich auf Freundschaften, romantische Beziehungen und letztlich auf die Stabili­tät unserer Demokratie auswirken. In den USA ist diese Entwicklung bereits weiter fortgeschritten als in Euro­pa, und das sollte uns eine Warnung sein.

Fazit

Höchste Zeit also, sich zu fragen, wie Politik die Bür­ger*innen zu guten Emotionen motivieren kann, um sie zu stärken und gegenüber antidemokratischen Ver­suchungen resilienter zu machen. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Martha Nussbaum hat in ihrem Werk „Politische Emotionen“ genau dafür plädiert. Ihr Argument: Liberale Demokratien scheitern nicht an schlechten Institutionen, sondern daran, dass sie die emotionale Bindung ihrer Bürger*innen an demokra­tische Werte vernachlässigen. Politische Maßnahmen allein überzeugen nicht per se, sie müssen auch ge­fühlt werden können. Nussbaum fordert deshalb, dass der Staat durch Bildung, Kunst und öffentliche Kultur aktiv Empathie, Mitgefühl und Solidarität kultiviert. Entscheidend ist, dass wir uns als Gesellschaft bewusst machen, dass die Politik des 21. Jahrhunderts in ers­ter Linie affektuell ist. Diese Realität sollten wir nicht denjenigen überlassen, die nur Hass säen wollen. Aus diesem Grund ist es wichtig, Liebe nicht nur als indivi­duelle Empfindung, sondern auch als politische Realität zu betrachten.

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